Einbruch der Rohstoffpreise - Was steckt dahinter?

Der Grund hierfür liegt in der gleichzeitigen deutlichen Ausweitung des Ölangebots durch die OPEC und der bislang nur sehr schleppenden Verringerung der US-Ölproduktion (siehe auch Rohstoffe kompakt Energie vom 10. Juli). Die Aussicht auf eine Lockerung der Ölsanktionen gegen den Iran hat die Hoffnungen auf einen schnellen Abbau des Überangebots zudem schwinden lassen.
Eindeutig angebotsgetrieben ist auch das Überangebot bei Aluminium. Im ersten Halbjahr summierte sich die globale Aluminiumproduktion dem International Aluminium Institute zufolge auf rekordhohe 28,592 Mio. Tonnen. Auf China entfielen dabei fast 55% der produzierten Gesamtmenge. Industriekreisen zufolge wurden in China im ersten Halbjahr mehr als 2 Mio. Tonnen pro Jahr an neuen Produktionskapazitäten in Betrieb genommen. Im zweiten Halbjahr sollen nochmal 3 Mio. Tonnen p.a. hinzukommen.
Die Aluminiumnachfrage in China kann damit nicht Schritt halten, so dass China das Überangebot auf den Weltmarkt exportiert. Auch das Überangebot bei Eisenerz ist angebotsgetrieben, da die Produktionskapazitäten in Australien durch die Inbetriebnahme einer neuen Mine und die Erweiterung bestehender Minen deutlich erweitert wurden. Zusätzlich angebotssteigernd wirken die schwachen Währungen der beiden wichtigsten Eisenerzproduzentenländer Australien und Brasilien, was die Kostenbasis entlastet.
Das Währungsargument gilt auch für viele Agrarrohstoffe, da Brasilien zu den führenden Anbietern von Sojabohnen, Mais, Zucker und Kaffee gehört. Bei den meisten Agrarrohstoffen kommen die nach den sehr guten Ernten der letzten Jahre reichlichen Lagerbestände hinzu.
Es gibt allerdings auch Rohstoffe, wo die Preisschwäche in erster Linie nachfragegetrieben ist. Ein Beispiel hierfür ist Kupfer. So hat China im ersten Halbjahr deutlich weniger Kupfer importiert als im entsprechenden Vorjahreszeitraum (Grafik 5). Für die ersten vier Monate des Jahres berichtet die International Copper Study Group vor allem aufgrund von China einen Rückgang der globalen Kupfernachfrage um 4% gegenüber dem Vorjahr. Auch bei den Edelmetallen ist die negative Preisentwicklung größtenteils auf eine schwächere Nachfrage zurückzuführen.
In China lagen die Goldimporte in den ersten sechs Monaten wie bereits zuvor erwähnt deutlich niedriger als im Vorjahr. Zudem kam es zu den besagten Verkäufen aus den Gold-ETFs. Platin und Palladium machen eine schwächelnde Nachfrage in China zu schaffen. Dort wächst der Automarkt deutlich langsamer als in den letzten Jahren, was sich bremsend auf die Nachfrage nach Platin und Palladium bemerkbar machen dürfte, welche in der Produktion von Katalysatoren verwendet werden. China importierte im ersten Halbjahr bereits deutlich weniger Palladium als im Vorjahr.
Allerdings erholt sich auch das Angebot an Platin und Palladium von den letztjährigen streikbedingten Ausfällen in Südafrika. Eine Ausnahme bei den Edelmetallen stellt Silber dar. Das Silver Institute geht für 2015 von einem Nachfrageanstieg in fast allen relevanten Bereichen aus. Auch bei Baumwolle ist das Überangebot in erster Linie einer schwächeren Nachfrage geschuldet. Die weltweite Baumwollproduktion sinkt bereits seit drei Jahren. Dennoch bestand bis zuletzt ein Angebotsüberschuss, weil die Nachfrage aufgrund deutlich gesunkener Baumwollimporte Chinas ebenfalls rückläufig ist (Grafik 5).

Während der Preisrückgang der letzten Jahre mit dem schwächeren Nachfragewachstum und der starken Angebotsausweitung im Einklang stand, erachten wir die jüngste negative Preisdynamik als übertrieben. Viele Rohstoffpreise sind mittlerweile so niedrig, dass ein signifikanter Teil der Produktion bereits unprofitabel ist. Eigentlich müssten die Preise langfristig sogar über den sogenannten Grenzproduktionskosten liegen, d.h. den Kosten für zusätzliche Produktion. Denn die Rohstoffnachfrage steigt nahezu ausnahmslos jedes Jahr, d.h. es wird stets neue Produktion von Stahl, Kupfer, Platin oder Rohöl benötigt.
Der Abstand der Preise zu den Grenzproduktionskosten bei einigen Rohstoffen ist aktuell bereits so hoch, dass dieser durch Effizienzsteigerung und Ausgabenkürzungen nicht mehr gedeckt werden kann. Ein Paradebeispiel dafür sind Nickel oder Platin, bei denen die gesamten Produktionskosten teilweise um 30-40% höher als die aktuellen Preise liegen dürften (Grafik 6).
Zwar können die Rohstoffproduzenten sich über einen bestimmten Zeitraum gegen fallende Preise absichern und auch über einen gewissen Zeitraum operative Verluste ertragen. Auf Dauer geht dies allerdings nicht, sofern nicht wie im Falle der Aluminiumproduzenten in China großzügige staatliche Subventionen gewährt werden.
Es dürfte daher bei vielen Rohstoffen in den kommenden Monaten zu umfangreichen Produktionskürzungen kommen. Bei Nickel sind erste negative Auswirkungen bei der Nickelroheisenproduktion in China sichtbar, weshalb China zuletzt deutlich mehr Nickelraffinade importiert hat. Bei Platin dürfte es wegen der niedrigen Preise zu weiteren Minenschließungen in Südafrika kommen. Die Gewerkschaften werden dies kaum akzeptieren, so dass in der südafrikanischen Minenindustrie neuerliche Arbeitskämpfe und Produktionsausfälle drohen.
Südafrika stellt 75% des weltweiten Minenangebots von Platin. Auch bei der US-Rohölproduktion zeigen sich inzwischen sichtbare Bremsspuren. Diese ist Mitte Juli so stark gefallen wie seit Jahren nicht, wenn man von kurzzeitigen wetterbedingten Rückgängen in den Vorjahren absieht (Grafik 7). Denn seit Jahresbeginn ist die Zahl der aktiven Ölbohrungen in den USA um mehr als die Hälfte gesunken.
Das Beratungsunternehmen Wood Mackenzie schätzte unlängst, dass von der Ölindustrie seit Mitte 2014 Projekte im Wert von 200 Mrd. USD verschoben oder gestrichen wurden. Dies dürfte sich in den kommenden Monaten und Jahren in einem deutlich geringeren Anstieg der Ölförderung niederschlagen und zu einer Markteinengung beitragen.
Wir gehen aufgrund des Abebbens der übertriebenen Sorgen hinsichtlich der chinesischen Nachfrage und der zu erwartenden Eindeckung von spekulativen Short-Positionen mittelfristig von steigenden Rohstoffpreisen aus. Die sich abzeichnende Einschränkung des Angebots sollte den Preisanstieg ebenfalls unterstützen. Am Ende des Jahres dürften die meisten Rohstoffe deshalb auf einem höheren Preisniveau notieren als aktuell.
Kurzfristig könnte der Druck auf die Rohstoffpreise bestehen bleiben. Dazu könnten auch eigennützige Maßnahmen der Rohstoffproduzenten beitragen, das heimische Überangebot mittels Preisnachlässen, der gezielten Abwertung der jeweiligen Währungen und der Gewährung von Exportsubventionen auf den bereits überversorgten Weltmarkt zu bringen.

© Eugen Weinberg
Senior Commodity Analyst
Quelle: 'Rohstoffe kompakt', Commerzbank AG
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