Weizen: Bald noch eine Etage tiefer“?


Markt bestens versorgt
In jedem Fall ist festzuhalten, dass der Markt gegenwärtig bestens versorgt ist. Erst vor rund drei Wochen hat das amerikanische Landwirtschaftsministerium seine Prognose bezüglich der 2008/09er Endbestände abermals von 601 auf 603 Millionen Scheffel angehoben. Das Plus mag auf den ersten Blick nicht sonderlich dramatisch klingen. Vergegenwärtigt man sich jedoch, dass die Ending Stocks in der abgelaufenen Saison gerade einmal 306 Millionen Scheffel betrugen, sollte das den “Bullen“ eigentlich den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Das Verhältnis zwischen Vorräten und Verbrauch ist mit 26 Prozent als sehr komfortabel zu bezeichnen. Immerhin stellt das den zweihöchsten Wert in den zurückliegenden zehn Jahren dar und ist exakt so üppig wie 2006. Verantwortlich hierfür ist ein signifikanter Produktionsüberhang, der durch eine aller Voraussicht nach erstklassige Winterweizen-Ernte bedingt wird. Aktuell werden 65 Prozent der amerikanischen Pflanzen mit gut bis ausgezeichnet bewertet. In der letzten Saison waren es zum jetzigen Zeitpunkt gerade einmal 44 Prozent.
Schwacher Export
Wenig Positives gibt es überdies vom Export zu berichten: Die US-Landwirtschaftsbehörde schätzt, dass die Weizen-Ausfuhren in 2008/09 um 21 Prozent zurückgehen werden. Bislang beträgt das Minus 14 Prozent. Im Gegensatz zum letzten Jahr drohen heuer in den bedeutenden Anbau-Regionen bislang keine nennenswerten Ernteausfälle. Auch auf globaler Ebene sehen die Experten reichliche Erträge, welche die Vortragsbestände von 120 auf 145 Millionen Tonnen (Ending Stock to Use Ratio 22 Prozent) anschwellen lassen. In einem solchen Umfeld wird es der nach wie vor nicht wirklich billige amerikanische Weizen (2006 lagen die Preise bei einer vergleichbaren Versorgungslage unter 400 US-Cents) auf dem Weltmarkt naturgemäß nicht einfach haben.
Bärische Saisonalität
Erschwerend kommt hinzu, dass der jahreszeitliche Preisverlauf für die kommenden Monate fallende Notierungen impliziert. Von Mitte Dezember bis Mitte Januar könnte es noch einmal zu leichten Kurssteigerungen kommen, bevor dann aber ein massiver Preisverfall einsetzen sollte, der für gewöhnlich bis in den Sommer hinein anhält. Hintergrund ist die Winterweizen-Ernte, die weltweit mehr als zwei Drittel des Gesamtjahres-Outputs ausmachet. Insofern ist es nur logisch, dass die Kursen ihr Ernte-Tief im Juni/Juli ausbilden.
Commercials sind long
Etwas differenzierter muss man die gegenwärtige Positionierung an den Terminmärkten betrachten. Zur Stunde sind die Commercials mit gut 24.000 Kontrakten netto long. Hieraus jedoch ein eindeutiges Kaufsignal abzuleiten wäre verfehlt. Nach dem mehr als 50prozentigen Kurseinbruch stellt es keine Überraschung dar, dass die Hedger sich per Saldo auf die “lange Seite“ geschlagen haben. Erwähnenswert ist vielmehr, dass das Ausmaß der Long-Positionierung gleich hoch ist wie Ende 2007 - nur standen die Kurse damals bei rund 850 US-Cents. Dies belegt, dass diese für gewöhnlich gut informierte Händlergruppe Weizen nur noch einen geringeren „fairen“ Wert zubilligt. Auffällig ist zudem der erkennbare Abbau der Netto-Long-Positionen von 40.000 Kontrakten in den letzten Wochen, obwohl die Weizen-Notierungen nicht großartig zulegen konnten.
Charttechnik: Bodenbildung vor der nächsten Abverkaufswelle
Unter technischen Gesichtpunkten ist anzumerken, dass Weizen sich derzeit an einer Bodenbildung im Bereich von etwa 500 US-Cents versucht. Diese Marke hat bereits dreimal gehalten, was die Vermutung nähren könnte, dass sich der “freie Fall“ seinem Ende nähert. Allzu optimistisch sollte man diesbezüglich jedoch nicht sein: Sowohl der MACD als auch die Stochastik generieren gegenwärtig ein deutliches Verkaufssignal und auch der RSI ist mit 40 alles andere als “bullisch“. Mittelfristig muss davon ausgegangen werden, dass die starke Unterstützung bei gut 500 US-Cents fällt. Geschieht das, dürfte es zügig bis 450 oder sogar 400 US-Cents abwärts gehen. Wir billigem dieses Szenario eine erhöhte Wahrscheinlichkeit zu, selbst wenn es demnächst zu leicht steigenden Kursen kommen sollte. Eine Egalisierung des bärischen Charttechnik-Bildes würde erst jenseits von 700 US-Cents eintreten. Dass es dazu kommt, muss aber als nahezu ausgeschlossen angesehen werden.
© Marc Nitzsche
Chefredakteur Rohstoff-Trader
Marc Nitzsche ist Chefredakteur des Rohstoff-Trader Börsenbriefs. Der Börsenbrief ist ein Spezialist für Rohstoffe und bietet konkrete Kaufempfehlungen mit Analysen und Kursprognosen. Mehr Infos unter finden sie auf der Website: www.Rohstoff-Trader.de