Preisfindung am Kokskohlemarkt im Umbruch
22.06.2017 | Eugen Weinberg (Commerzbank)
Ähnlich wie bei Eisenerz vor einigen Jahren deutet sich nun auch ein Wandel in der Preisfindung bei Kokskohle an. Der größte japanische Stahlproduzent hatte vor kurzem mitgeteilt, bereits für das dritte Quartal in den Verhandlungen mit den Kokskohleproduzenten eine indexbasierte Preisfeststellung einführen zu wollen. Dies könnte ein weiterer Schritt in Richtung des Börsenhandels von Kokskohle sein.
Bei Kokskohle wurde seit Anfang der 70er Jahre der Preis in bilateralen Verhandlungen zwischen den Kokskohle- und Stahlproduzenten festgesetzt. Dieser wurde jedes Jahr zum 1. April verhandelt und galt für die kommenden zwölf Monate. Die ersten Vertragsabschlüsse des Jahres wurden als Benchmark für die Branche angesehen. Im Frühjahr 2010 brach dieses System (wie auch das bei Eisenerz) auf Bestreben der Eisenerz- und Kokskohleproduzenten auf. Seitdem wurden Verträge mit kürzerer Laufzeit vereinbart - bei Eisenerz quartalsweise, bei Kokskohle ebenfalls quartalsweise oder halbjährlich.
Während man bei Eisenerz relativ schnell zu einer indexbasierten Preisfeststellung überging und sich mittlerweile ein liquider Börsenhandel etabliert hat, werden die Kokskohlepreise nach wie vor zumeist bilateral verhandelt. Daneben gibt es aber auch Kassa-Preise für Kokskohle wie zum Beispiel vom Datenanbieter The Steel Index (Grafik 1). Dieser sammelt von den Marktteilnehmern per Internet-Eingabe tagesaktuelle Daten zu tatsächlichen Transaktionen und errechnet daraus täglich einen volumengewichteten Durchschnittspreis.
Vor kurzem hat nun der größte japanische Stahlproduzent, Nippon Steel & Sumitomo Metal Corp. (NSSMC), einen Vorstoß gewagt, die quartalsweisen Preisverhandlungen auf eine indexbasierte Preisfeststellung umzustellen. Dabei sollen drei Spot-Indizes der Datenanbieter S&P Global Platts, The Steel Index und Argus Media herangezogen werden. Der Kokskohlepreis für ein Quartal wird dabei rückwirkend aus den Tagespreisen des jeweiligen Quartals errechnet. Hauptgrund für die geplante Umstellung des Preissystems sind laut NSSMC die seit Frühjahr 2016 stark schwankenden Kokskohlepreise am Kassa-Markt (Grafik 1).
Die letzten Schwankungen wurden durch den Zyklon "Debbie" in Australien Anfang April verursacht. Im Zuge der hohen Volatilität konnten sich die Kokskohleproduzenten und Stahlhersteller nicht auf einen Preis für das laufende Quartal einigen. Daneben führt das Unternehmen die Kohleförderpolitik in China als Grund an. Auch gebe es immer weniger verlässliche Kokskohlelieferanten, mit denen Benchmark-Preise vereinbart werden können.
Von den großen Kohleproduzenten wie zum Beispiel Anglo American Plc oder Glencore Plc, die mit den japanischen Stahlproduzenten den Kokskohlepreis für das erste Quartal verhandelt haben, ist uns bislang keine Reaktion auf den Vorstoß der Japaner bekannt. Gegenwind könnte allerdings von der Kundenseite von NSSMC kommen. Industriekreisen zufolge haben die japanischen Automobilproduzenten schon vorsorglich Einwand erhoben, sollte NSSMC auch die Verträge mit der Abnehmerseite auf eine indexbasierte Preisfeststellung und damit kürzere Laufzeit umstellen wollen.
Die als relativ konservativ geltende japanische Automobilindustrie bezieht ihren benötigten Stahl bislang über halbjährliche Lieferverträge. Sollte es NSSMC nicht gelingen, auch die Verträge mit der Abnehmerseite umzustellen, würde sich für den Stahlproduzenten ein erhebliches Preisrisiko auftun.
Die Vertragsabschlüsse zwischen australischen Kokskohleproduzenten und japanischen Stahlherstellern wurden bislang als globale Benchmark angesehen. Die Umstellung des Preissystems dürfte daher Signalwirkung haben. Andere Stahlhersteller zum Beispiel aus Südkorea, Indien oder Europa könnten dem Beispiel von NSSMC folgen. Sollte sich die indexbasierte Preisfeststellung etablieren, wären die nächsten logischen Schritte ein Kokskohlehandel auf täglicher Basis mit dem Verkauf einzelner Schiffsladungen zu Kassa-Preisen.
Dieses Modell wird zum Beispiel bereits von BHP Billiton Plc und South32 Ltd. verfolgt. Schlussendlich dürfte der Börsenhandel folgen. Im chinesischen Dalian gibt es bereits einen Börsenhandel mit Kokskohle. Dort können seit März 2013 Futures-Kontrakte zu je 60 Tonnen umgesetzt werden. In diesem Jahr ist das durchschnittliche Handelsvolumen dort bisher allerdings nur noch etwa halb so hoch wie im Durchschnitt des letzten Jahres.
Kokskohle ist neben Eisenerz ein essenzieller Bestandteil in der Stahlproduktion. Laut Angaben des Weltstahlverbands werden zur Herstellung von 1.000 kg Rohstahl im Hochofenverfahren durchschnittlich 800 kg Kokskohle verbraucht. Im Elektroofenverfahren sind es demnach 16 kg. Kokskohle wird zur Energiegewinnung benötigt, um das Eisen aus dem Eisenerz herauszulösen. Kohle wird weltweit in über 50 Ländern abgebaut, wobei die qualitativ hochwertigsten Vorkommen auf wenige Länder/Regionen begrenzt sind. Diese sind Queensland in Australien, die Appalachen in den USA und British Columbia in Kanada.
Weitere große Vorkommen gibt es zum Beispiel in China, Indien und Russland. Gemäß Daten des aktuellen BP Statistical Review gab es Ende 2016 weltweit rund 1,14 Bio. Tonnen nachgewiesene Kohlereserven (thermische Kohle und Kokskohle).
Die globale Kohleproduktion belief sich demnach 2016 auf 7,46 Mrd. Tonnen, wobei davon gemäß Daten der staatlichen australischen Rohstoffbehörde 1,03 Mrd. Tonnen auf Kokskohle entfielen. Ähnlich wie bei Eisenerz macht auch der Seehandel bei Kokskohle nur einen kleinen Teil gemessen an der weltweiten Produktion aus. Laut Angaben der australischen Behörde gehen nur etwa 30% der geförderten Kohle in den seewärtigen Handel. Der größte Exporteur von Kokskohle ist mit Abstand Australien, gefolgt von den USA, Kanada und Russland (Grafik 2).
Kohleverbraucher sind die großen Stahlproduzenten (Grafik 3). Den größten Importbedarf haben die westeuropäischen Länder (vor allem Großbritannien, Deutschland und Spanien - der atlantische Markt) und asiatische Länder (zum Beispiel Indien, Japan, China und Südkorea - der pazifische Markt). China könnte sich zwar aufgrund der eigenen hohen Kohlereserven selbst vollständig versorgen, da jedoch die Kohlevorkommen dort qualitativ minderwertig sind, lohnt sich ein Rückgriff auf die lokalen Reserven nur bei ausreichend hohen Weltmarktpreisen.
Auf einen Blick











© Eugen Weinberg
Senior Commodity Analyst
Quelle: 'Rohstoffe kompakt', Commerzbank AG
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