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Energie - Brent: Iran, Syrien und Sudan im Brennpunkt

30.07.2012  |  Frank Klumpp (LBBW)

Politik wieder im Fokus

In den vergangenen zwei Wochen hat sich der Preis für die Ölsorte Brent über der 100-Dollar-Marke etabliert. Markt-technisch gesehen befindet sich die wichtigste Benchmark des Rohölhandels damit seit gut einem Monat im Aufwärts-trend. Die eher gegen steigende Preise sprechenden marktspezifischen Faktoren Angebot, Nachfrage & Lagersituation wurden von politischen Faktoren - Streik der Ölarbeiter in Norwegen, Bürgerkrieg in Syrien sowie Sanktionen gegen den Iran wegen des Streits um das Atomprogramm - zuletzt etwas in den Hintergrund gedrängt.


Iran: Weitere Sanktionen drohen

Im Streit um das iranische Atomprogramm hat sich die Tonart in den letzten Tagen weiter verschärft. Zwischenzeitlich drohte Teheran mit einer Sperrung der Straße von Hormuz, der Meerenge, die den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und damit aus der Seefahrerperspektive dem Rest der Welt verbindet. Knapp ein Fünftel der Weltölversorgung werden über dieses Nadelöhr transportiert. Zwar reagierte der Ölmarkt auf diese Drohung auch mit Aufschlägen. Eine tatsächliche Sperrung, die einer Kriegserklärung gleichkäme, ist derzeit jedoch wenig wahrscheinlich. Eher dürfte die Sanktionsschraube weiter angezogen werden. Die USA pla-nen, vor der parlamentarischen Sommerpause ein Gesetz zu verabschieden, welches u.a. Finanztransaktionen iranischer Ölgesellschaften weiter erschweren soll. Die bisherigen Sanktionen führten bisher zu einem Rückgang der irani-schen Ölexporte um über eine Million Barrel pro Tag. Vor allem Saudi-Arabien lieferte als Quasi-Swing-Produzent Ersatz für iranisches Öl.

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Syrien: Sturz des Assad Regimes droht

In Syrien steht offenbar die entscheidende Schlacht bevor, in der das Assad-Regime gestürzt werden könnte. Derweil treten die diplomatischen Bemühungen um eine UN-Resolution auf der Stelle, weil sich Russland und China einerseits und die USA und Europa andererseits ihren Einfluss auf eine mögliche Neugestaltung des Landes erhalten möchten. Hier steht weniger der Ölreichtum im Vordergrund - Syrien exportierte vor dem Konflikt rund 150.000 Barrel pro Tag - als die geostrategische Position Syriens. So sind beispielsweise einige Gaspipelines geplant, die Saudi-Arabien und Qatar mit dem Mittelmeerraum und der Türkei verbinden und durch syrisches Gebiet führen sollen. Russland sieht seinerseits seine Militärbasis im syrischen Hafen Tartus in Gefahr.


Sudan: Gespräche wieder aufgenommen

Am 2. August läuft ein UN-Ultimatum aus, wonach sich Sudan und Südsudan im Streit um Öltransport und -förderung einigen sollen. Die meisten Reserven liegen im Südsudan, der Transport läuft aber über Pipelines im Norden. Der Südsudan hatte seine Ölförderung vor einem halben Jahr eingestellt, seitdem fehlen auf dem Weltmarkt knapp 400.000 Barrel pro Tag. Zuletzt wurden die Gespräche der beiden Konfliktparteien wieder aufgenommen.


Fazit: Politik bietet weiter Zündstoff

Die geopolitische Prämie im Ölpreis, die zwischenzeitlich nahezu entwichen war, baut sich allmählich wieder auf. Die skizzierten Konfliktherde bieten auch in den kommenden Tagen weiter Potenzial für eine höhere Volatilität an den Ölmärkten.


Energie - Gasoil: Aufwärtstrend dürfte auslaufen

Start ins zweite Halbjahr mit steigenden Preise

Im ersten Quartal legten die Preise für Rohöl und Destillate zu, vor allem aufgrund erhöhter Risiken um das iranische Atomprogramm. Im zweiten Quartal wurde der Fokus wieder auf die fundamentalen Faktoren Angebot, Nachfrage und Lagerbestände gelegt, und die Preise für Rohöl gerieten stark unter Druck. Das zweite Halbjahr startete indes mit kräftigen Kurszuwächsen - innerhalb weniger Wochen legte Gas Oil rund 100 US-Dollar zu. Der Grund hierfür dürfte in einem Mix aus politischen Faktoren liegen: Die verschärfte Rhetorik Israels und Irans im Streit um die iranischen Atom-anlagen, die erhöhte Risikofreude nach dem EU-Gipfel und den Draghi-Kommentaren sowie der Streik in der norwegischen Ölindustrie, der zu zwischenzeitlichen Versorgungsengpässen des zur Brentfamilie zählenden Oseberg-Öls geführt hat.


Euro-Schwäche verteuert Heizöl zusätzlich

Für europäische Heizölverbraucher kommt neben der Ölsorte Brent in US-Dollar auch dem Euro-Wechselkurs besondere Bedeutung zu. Hier führte die Euro-Krise in den letzten Wochen zu einer weiteren Abwertung. Per Saldo notiert die Gemeinschaftswährung auf dem tiefsten Stand seit über zwei Jahren. Im Vergleich zu Mitte letzten Jahres (01.07.2011) notiert Brent nahezu unverändert (110 USD/107 USD), der Euro hat jedoch über 15% abgewertet (1,45/1,21). Die jüngste Aufwärtsbewegung der Ölpreise hat sich wegen der parallelen Abwertung des Euro daher auch bei hiesigen Heizöleinkäufern besonders bemerkbar gemacht, Gas Oil hat sich im Vergleich zu den Tiefständen Ende Juni über 16% verteuert. Wir rechnen in den nächsten 12 Monaten mit einer weiteren Aufwertung des US-Dollar auf 1,15 US-Dollar/Euro.





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Eurokrise schwächt Nachfrageseite

Die Eurokrise gibt - neben dem Euro/Dollar-Wechsel-kurs - auch den Takt für die Nachfrage nach Ölprodukten vor vor. Zwischenzeitlich sorgten die Ergebnisse des letzten EU-Gipfels sowie die Äußerungen des EZB-Präsidenten Mario Draghi für eine freundlichere Einschätzung der Marktteilnehmer hinsichtlich der Entwicklung in der Eurozone. Im laufenden Jahr dürfte Europa dennoch in die Rezession abrutschen und die Ölnachfrage entsprechend belasten.

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Globale Ölnachfrage schwach

Das Wachstum der globalen Ölnachfrage dürfte daher auch etwas geringer ausfallen als von OPEC, EIA und der Internationalen Energieagentur IEA erwartet. Die Schätzungen der drei Institute liegen bei einem Wachstum von ca. 800.000 bis 900.000 Barrel pro Tag, was einem Wachstum von weniger als einem Prozent entspricht. Aufgrund der gestiegenen konjunkturellen Risiken könnte sich dies noch als zu optimistisch erweisen. Eine schwache Nachfrageseite trifft trotz der Handelssanktionen gegen den Irak auf ein üppiges Angebot; die OPEC fördert derzeit mit rund 32 Mio. Barrel pro Tag deutlich über ihrer Förderquote von 30 Mio. Barrel. Angebots-/Nachfrageaspekte sprechen also nicht für eine Fortsetzung des Ölpreisanstiegs.

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Lagerbestände auf langjährigem Mittel

Dennoch befinden sich sowohl Brent als auch Gas Oil derzeit in leichter Backwardation; auf Sicht von zwölf Monaten notieren die Heizölpreise knapp 2,5% unter dem aktuellen Spotpreis. Dies dürfte weniger auf eine angespannte Lagersituation - die Lagerbestände für Heizöl befinden sich auf einem langjährigen Mittelwert - als auf brentspezifische Faktoren zurückzuführen sein. So sorgte zuletzt der Streik in Norwegen für kurzfristige Unsicherheit, während mit Südkorea ein strategischer Käufer aufgrund des Freihandelsabkommens mit der EU bevorzugt Nordseeöl ordert. Der damit verbundene Wegfall eines 3%igen Importzolls begünstigt den Kauf von Rohöl bei britischen Ölkonzernen.

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Fazit: Aufwärtstrend dürfte auslaufen

Es spricht vieles dafür, dass der Anstieg des Heizölpreises bald ausläuft. Ein üppiges Angebot trifft im laufenden Jahr auf eine schwache Nachfragedynamik, und die Lager sind gut gefüllt. Lediglich politische Störfeuer könnten immer wieder für Beunruhigung und damit für steigende Preise sorgen. Insgesamt gehen wir mit Blick auf das Jahresende daher von leicht fallenden Preisen für Gas Oil aus.


© Frank Klumpp, CFA

Quelle: Landesbank Baden-Württemberg, Stuttgart





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