Viele Metallmärkte 2017 nicht ausreichend versorgt
23.05.2017 | Eugen Weinberg (Commerzbank)
Laut Einschätzung der International Study Groups weisen fast alle betrachteten Metallmärkte auch in diesem Jahr ein Angebotsdefizit auf. Dies rechtfertigt unseres Erachtens später wieder höhere Preise. Kurzfristig gehen wir aber von einer Fortsetzung der seit knapp zwei Monaten andauernden Korrekturbewegung aus. Denn noch ist die spekulative Übertreibung nicht überall komplett abgebaut.
Die Angebotslage hat sich an den meisten Metallmärkten zuletzt wieder entspannt. Da sich die Minenproduktion von den durch Streiks oder politischen Einflüssen erzwungenen oder wegen der zuvor niedrigen Preise freiwilligen Kürzungen erholt, wird die Raffinadeproduktion weiter ausgeweitet. Dies reicht laut Einschätzung der verschiedenen International Study Groups aber nicht aus, um die Märkte auch bis Jahresende ausreichend zu versorgen.
Unter dem Strich wird es daher bei Kupfer, Nickel und Zink 2017 weitere Angebotsdefizite geben. Am Bleimarkt sollen sich dagegen Angebot und Nachfrage die Waage halten. Wir werfen in dieser Ausarbeitung einen detaillierteren Blick auf die Ergebnisse der Frühjahrstagungen der International Study Groups von Ende April.
Die International Copper Study Group (ICSG) hat auf ihrer Sitzung ihre bisherigen Prognosen abermals über den Haufen geworfen und geht nun von andauernden Angebotsdefiziten am globalen Kupfermarkt aus (Grafik 1). Demnach soll in diesem Jahr das Angebot um 147 Tsd. Tonnen hinter der Nachfrage zurückbleiben und das Defizit im nächsten Jahr auf 170 Tsd. Tonnen anwachsen. Nach Lesart der ICSG wäre der Kupfermarkt 2018 damit das neunte Jahr in Folge nicht ausreichend versorgt. Auf ihrer Herbsttagung im Oktober ging der Branchenverband für 2017 noch von einem Angebotsüberschuss in Höhe von 163 Tsd. Tonnen aus.
Die Gründe für die Neueinschätzung der Marktbilanz liegen sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite. So wurde die Kupferminenproduktion im ersten Quartal durch die Streiks in großen Minen in Chile und Peru sowie politisch bedingt in Indonesien stark beeinträchtigt. Die verlorene Produktion kann laut ICSG im weiteren Jahresverlauf auch nicht mehr aufgeholt werden, so dass die Minenproduktion in diesem Jahr rückläufig sein dürfte. Auch im nächsten Jahr soll sie nochmals zurückgehen. Zudem wird sich die Inbetriebnahme neuer großer Projekte wie zum Beispiel in Peru im letzten Jahr 2017 und 2018 nicht wiederholen.
Der Kupferpreis ist unseres Erachtens darüber hinaus nicht hoch genug, damit umfangreiche Investitionen in neue große Projekte getätigt werden. Die geringere Verfügbarkeit von Kupferkonzentrat schlägt sich auch in der Produktion von Kupferraffinade nieder, die nach den neuesten Einschätzungen der ICSG 2017 um weniger als 2% wachsen soll. 2018 soll die Dynamik sogar noch nachlassen. Größter Wachstumstreiber bleibt China aufgrund der Ausweitung von Schmelzkapazitäten. 
Das erwartete Nachfragewachstum wurde von der ICSG dagegen im Vergleich zur Herbstsitzung deutlich nach oben revidiert. Die Nachfrage soll 2017 nun um 2,0% und 2018 um 1,8% zulegen (bisher +1,5% und +1,0%). Die Hauptrolle spielen dabei China und Indien, wo umfangreiche Infrastrukturmaßnahmen ergriffen werden. Aufgrund der besseren Entwicklung der Weltwirtschaft soll die Kupfernachfrage aber auch in vielen anderen Regionen/Ländern zunehmen.
Das anhaltende Angebotsdefizit rechtfertigt unseres Erachtens mittel- bis langfristig höhere Kupferpreise. Allerdings ist die spekulative Übertreibung, die sich zwischen Mitte Oktober und Anfang Februar aufgebaut hatte, unserer Meinung nach noch nicht wieder vollständig ausgepreist - auch wenn sich die spekulativen Finanzinvestoren an der LME und Comex zuletzt zurückgezogen haben. Kurzfristig sehen wir daher weiteres Korrekturpotenzial, behalten aber unsere Jahresendprognose von 5.600 USD je Tonne unverändert bei.
Die International Nickel Study Group (INSG) hat ihre Einschätzung zur Lage am globalen Nickelmarkt zwar ebenfalls angepasst, sie erwartet für 2017 aber nach wie vor ein Angebotsdefizit (Grafik 2). Dieses soll mit 40 Tsd. Tonnen genauso hoch ausfallen wie im letzten Jahr, aber geringer als zuvor prognostiziert (66 Tsd. Tonnen).
Die INSG nahm ihre Prognoserevision im Wesentlichen aus zwei Gründen vor: Sie sieht eine höhere Nickelroheisenproduktion (Nickel Pig Iron, NPI) in China und Indonesien, wodurch das weltweite Nickelangebot ausgeweitet wird und erstmals über der Marke von 2 Mio. Tonnen liegen soll. Nach der Lockerung des Exportverbots unbehandelter Erze in Indonesien im Januar sollte den chinesischen NPI-Produzenten wieder mehr Rohmaterial zur Verarbeitung zur Verfügung stehen.
Wegen des Hochfahrens neuer Projekte wird auch in Indonesien selbst mehr Nickelroheisen produziert. Das Absetzen der höchst umstrittenen Umweltministerin auf den Philippinen Anfang Mai und die daraus resultierenden möglichen Erleichterungen für die dortige Minenindustrie sind in den INSG-Zahlen noch nicht berücksichtigt.
Der andere Grund für das geringer erwartete Angebotsdefizit liegt in der nachlassenden Dynamik der Edelstahlproduktion, wodurch die Nickelnachfrage weniger stark zunimmt. Zwar schätzt das auf die Analyse der Stahlmärkte spezialisierte Research-Institut MEPS, das in diesem Jahr rund 47,5 Mio. Tonnen Edelstahl weltweit produziert werden, was abermals einen Rekordwert darstellen würde. Im Jahresvergleich entspräche dies aber nur noch einem Anstieg um 3,7%, nach +10,2% im letzten Jahr. Das Wachstum der globalen Nickelnachfrage soll sich 2017 daher laut INSG auf 4,1% fast halbieren.
Die INSG könnte mit ihrer Einschätzung zur Marktlage unseres Erachtens noch etwas zu pessimistisch sein. Nach der Lockerung des Exportverbots unbehandelter Erze in Indonesien und der politischen Wende auf den Philippinen sehen wir den globalen Nickelmarkt wieder besser versorgt. Dies dürfte einem nachhaltigen deutlichen Anstieg des Nickelpreises entgegenstehen.
Der aktuelle Preis sollte aber auch bereits ein höheres Angebot ausreichend reflektieren. Nach der reduzierten Preisprognose Ende Januar im Zuge der Nachrichten aus Indonesien revidieren wir die Prognose jetzt nochmals nach unten. Am Jahresende dürfte Nickel aus unserer Sicht 10.000 USD je Tonne kosten.
Für den globalen Zinkmarkt erwartet die International Lead and Zinc Study Group (ILZSG) für 2017 ein Angebotsdefizit von 220 Tsd. Tonnen (Grafik 3). Dieses liegt in etwa auf dem Niveau des Vorjahres und wurde im Vergleich zur Herbstsitzung nur wenig nach unten revidiert. Der Zinkmarkt wäre damit zum vierten Mal in den letzten fünf Jahren deutlich unterversorgt.
Die Zinkminenproduktion soll in diesem Jahr wieder deutlich zulegen und sich damit vom kräftigen Rückgang im letzten Jahr spürbar erholen. Viele Minenunternehmen hatten ihre Produktion 2016 wegen der damals niedrigen Preise gekürzt. Die Produktion von Zinkraffinade soll in diesem Jahr um 2,6% ausgeweitet werden und erstmals die Marke von 14 Mio. Tonnen übertreffen.
Hauptverantwortlich hierfür sind China und Indien. Die chinesischen Zinkschmelzer hatten schon im ersten Quartal eine rekordhohe Menge Zink produziert und im April ebenfalls viel Zink hergestellt. Aufgrund zuletzt hoher Importe von Zinkkonzentrat steht den Schmelzen offenbar genug Rohmaterial zur Verfügung. In Indien, einem der größten Zinkproduzenten der Welt, steht ebenfalls wieder mehr Zinkkonzentrat zur Verfügung. Denn in der weltweit größten Zinkmine, "Rampura Agucha", wurde der Übergang zum Untertagebau abgeschlossen, so dass dort die Produktion wieder hochgefahren werden kann.
Die globale Zinknachfrage soll laut ILZSG ebenfalls um 2,6% zulegen. Auch hier wird das Niveau von 14 Mio. Tonnen zum ersten Mal deutlich überschritten. Wie auf der Angebotsseite sind auch bei der Nachfrage China und Indien die Haupttreiber. Daneben soll sich die Nachfrage in den USA nach einem deutlichen Rückgang im Vorjahr erholen.
Ähnlich wie bei Kupfer sehen wir auch bei Zink die Korrektur nach dem starken Preisanstieg zuvor noch nicht abgeschlossen. Kurzfristig gehen wir daher von niedrigeren Preisen aus. Mittel- bis langfristig rechtfertigt das Angebotsdefizit aber wieder höhere Preise. Wir behalten unsere Jahresendprognose von 2.600 USD je Tonne unverändert bei.
Für den globalen Bleimarkt zeigt sich die ILZSG etwas optimistischer. Hier sollen sich 2017 Angebot und Nachfrage die Waage halten (Grafik 4). Wie bei Zink fiel auch hier die Prognoserevision moderat aus. Schon in den Jahren zuvor war der Bleimarkt weitgehend ausgeglichen. Da Blei oftmals gemeinsam mit Zink gefördert wird, dürfte sich auch die Bleiminenproduktion in diesem Jahr spürbar erholen. Die Produktion von Bleiraffinade soll mit 2,2% etwas weniger stark steigen als im Vorjahr. Haupttreiber sind China und Indien - eine weitere Parallele zu Zink.
Die globale Bleinachfrage dürfte laut ILZSG mit +2,3% nur marginal stärker zulegen als das Angebot. Auch dies ist in erster Linie auf China zurückzuführen. Im ersten Quartal hatte China bereits so viel Bleiraffinade importiert wie seit acht Jahren nicht mehr. Moderate Nachfragezuwächse erwartet die ILZSG daneben in Indien und den USA.
Der noch hohe spekulative Überhang (die Netto-Long-Positionen an der LME liegen noch 30% über dem Durchschnitt seit Beginn der Datenreihe im August 2014) deutet auf eine Fortsetzung der jüngsten Preiskorrektur hin. Sobald dieser abgebaut ist, dürfte der Gegenwind aber nachlassen und Blei wieder steigen. Zum Jahresende sehen wir weiterhin einen Bleipreis von 2.200 USD je Tonne. Die Prognosen für Aluminium und Zinn behalten wir ebenfalls unverändert bei.
Der globale Aluminiummarkt bleibt ausgehend von China unseres Erachtens gut versorgt. Gemäß Daten des Nationalen Statistikbüros hatte die chinesische Aluminiumproduktion im April das höchste Niveau für diesen Monat überhaupt erreicht. Nach den ersten vier Monaten des Jahres lag die Produktion dort etwa 10% über dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Dies hat bereits zu wieder anziehenden chinesischen Exporten von Aluminium und Aluminiumprodukten geführt (Grafik 5). 
Trotz des sich mehrenden Widerstands in verschiedenen Ländern gegen die Exportflut Chinas wird China wohl versuchen, weiterhin große Mengen Aluminium und Aluminiumprodukte zu exportieren. Wir halten daher nach wie vor eine deutliche Korrektur des Aluminiumpreises für notwendig und erwarten diesen am Jahresende bei 1.750 USD je Tonne.
Der Zinnpreis wird durch den seit nunmehr drei Monaten andauernden kräftigen Abbau der LME-Vorräte unterstützt. Die Bestände liegen mittlerweile auf dem niedrigsten Niveau seit Juli 1989. Zwar hat Indonesien in den letzten Monaten wieder etwas mehr Zinn ausgeführt, dies spielt am Markt aktuell aber offenbar nur eine untergeordnete Rolle. Zudem reichen die indonesischen Exporte anscheinend nicht aus, um den Markt ausreichend mit Zinn zu versorgen.
Das International Tin Research Institute (ITRI) prognostiziert, dass der globale Zinnmarkt in diesem Jahr ein Angebotsdefizit von 10 Tsd. Tonnen aufweisen wird. Am Jahresende dürfte Zinn unseres Erachtens 21.000 USD je Tonne kosten.
Auf einen Blick











© Eugen Weinberg
Senior Commodity Analyst
Quelle: 'Rohstoffe kompakt', Commerzbank AG
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