Industriemetalle: Gestiegene Preise sorgen für höheres Angebot
21.10.2016 | Eugen Weinberg (Commerzbank)
Während an allen Metallmärkten zur Jahresmitte noch Angebotsdefizite bestanden, hat sich die Lage bei einigen Metallen mittlerweile merklich entspannt. Die teilweise deutlich gestiegenen Preise führen dazu, dass vormals stillgelegte Produktionsanlagen wieder in Betrieb genommen werden. Dadurch hat sich unseres Erachtens kurzfristig Korrekturpotenzial für die Metallpreise aufgebaut, zumal deren Anstieg teilweise spekulativ getrieben war.
Das Jahr 2016 scheint für die Metallpreise ein "gutes" Jahr zu werden. Nach fast zehn Monaten liegen fast alle Metallpreise verglichen zum Jahresbeginn im Plus (Grafik 1). Der LME-Industriemetallindex (LMEX) legte in dieser Zeit um knapp 9% zu. Zink als der größte "Gewinner" verzeichnete zwischenzeitlich sogar einen Zuwachs von rund 50%. Die Metalle machen damit allerdings nur einen Teil ihrer Verluste des Vorjahres wieder wett.
Gründe für die Preisanstiege waren auf Makroebene unter anderem eine bessere Stimmung und damit verbunden ein allgemein höherer Risikoappetit unter den Marktteilnehmern, ein schwächerer US-Dollar, gestiegene Ölpreise und phasenweise ermutigende Konjunkturdaten in für die Metallnachfrage wichtigen Ländern/Regionen. Auf Mikroebene hat sich in vielen Märkten die Angebotslage spürbar angespannt, während sich die Nachfrage solide zeigte.
Kurzfristig betrachtet ist der jüngste Preisanstieg einiger Metalle unseres Erachtens aber überhitzt - zumal dieser auch spekulativ getrieben ist -, so dass sich Korrekturpotenzial aufgebaut hat. Außerdem gibt es mittlerweile erste Ankündigungen die Produktion wieder auszuweiten, nachdem die Preise so stark gestiegen waren. Dies dürfte die Marktlage bei manchen Metallen etwas entspannen.
Als mit Abstand größter Konsument von Metallen steht China weiter im Mittelpunkt des Marktinteresses. Dort unternehmen die Zentralregierung und die Zentralbank fiskal- und geldpolitische Anstrengungen, um die Wirtschaft zu unterstützen. Das spiegelte sich zum Beispiel in einem kräftigen Investitionswachstum der Staatsunternehmen im September mit gut 21% gegenüber dem Vorjahr wider.
Der chinesische Premierminister Li Keqiang stellte zudem im September in Aussicht, dass die chinesische Wirtschaft bis zum Jahresende das stabile Wachstumsmomentum des ersten Halbjahres beibehalten wird. Im dritten Quartal ist die Wirtschaft wie schon im Vorquartal im Jahresvergleich um 6,7% gewachsen.
Allerdings hat die Überhitzungsgefahr am Immobilienmarkt nach starken Preisanstiegen vor allem in den Großstädten des Landes wieder deutlich zugenommen. Mehr und mehr Städte versuchen daher, diese Gefahr einzudämmen. Dies könnte sich perspektivisch aber in einer geringeren Nachfrage nach Metallen niederschlagen. Zudem bestehen in vielen Branchen erhebliche Überkapazitäten. Deren Abbau würde wohl ebenfalls die Metallnachfrage dämpfen.
Nachdem zur Mitte des Jahres gemäß Daten des World Bureau of Metal Statistics (WBMS) an allen Metallmärkten noch Angebotsdefizite bestanden, gibt es mittlerweile Anzeichen, dass sich die Lage künftig wieder etwas entspannen dürfte. Dies werden die International Study Groups wohl auf ihren Herbsttagungen Ende Oktober berücksichtigen und entsprechend leichte Anpassungen bei ihren Schätzungen zur Angebots-Nachfrage-Situation an den jeweiligen Metallmärkten vornehmen.
China hat zum Beispiel zuletzt aufgrund hoher Schmelz- und Verarbeitungsgebühren wieder deutlich mehr Kupferraffinade produziert - im August waren es gemäß Daten des Nationalen Statistikbüros 743 Tsd. Tonnen, der höchste Wert seit Dezember (Grafik 2). China hat deshalb zwar entsprechend große Mengen Kupferkonzentrat eingeführt, zugleich hat dies aber auch den Importbedarf von Kupferraffinade reduziert und sogar zu höheren Exporten beigetragen. Der Bedarf an Kupferimporten hat denn auch seit Jahresbeginn deutlich nachgelassen.
Im dritten Quartal wurden Daten der Zollbehörde zufolge im Durchschnitt "nur" noch 350 Tsd. Tonnen Kupfer pro Monat importiert, während es in den beiden Quartalen zuvor noch durchschnittlich knapp 480 Tsd. bzw. gut 430 Tsd. Tonnen waren. Allerdings wurden in den letzten Monaten die Lagerbestände von Kupfer an der SHFE in Shanghai deutlich abgebaut – sie liegen mit gut 120 Tsd. Tonnen nahe einem 14-Monatstief. Dies könnte im Schlussquartal doch wieder zu höheren Importen beitragen.
Für andere Produzenten war die moderate Preiserholung von Kupfer offenbar nicht stark genug. So verschiebt zum Beispiel Codelco, der weltweit größte Kupferminenproduzent aus Chile, zwei Projekte und reduziert seine geplanten Investitionen bis zum Jahr 2020 um 2,25 Mrd. USD bzw. 11%. Ferner sollen fünf große Minenprojekte nun nacheinander und nicht mehr gleichzeitig entwickelt werden.
Auch wenn das Angebot im restlichen Jahresverlauf auf globaler Ebene ausgeweitet werden dürfte, sind wir skeptisch, dass es ausreicht, die Nachfrage vollständig zu befriedigen. Seit Jahresbeginn bleibt die Preisentwicklung von Kupfer mittlerweile deutlich hinter der der anderen Industriemetalle zurück. Wir sehen hier Aufholpotenzial und erwarten zum Jahresende weiterhin einen Kupferpreis von über 5.000 USD je Tonne.
Auch Aluminium wurde zuletzt wieder mehr hergestellt. Daten des International Aluminium Institute (IAI) zufolge wurde die Aluminiumproduktion im August auf globaler Ebene deutlich auf 4,944 Mio. Tonnen ausgeweitet. Dies war die höchste Produktionsmenge seit einem Jahr. Die Ausweitung der Produktion ist fast ausschließlich auf China zurückzuführen, wo im September mit 2,75 Mio. Tonnen so viel Aluminium produziert wurde wie seit 15 Monaten nicht mehr.
Die chinesische Aluminiumproduktion liegt damit auch fast wieder auf Allzeithoch. Sowohl an der LME in London als auch an der SHFE in Shanghai war der Aluminiumpreis in den Monaten zuvor deutlich gestiegen, was offenbar vor allem in China Anreize zur Produktionsausweitung gab (Grafik 3). 
Die hohe Produktion machte sich zudem wieder einmal in gestiegenen Aluminiumexporten Chinas bemerkbar, so dass der globale Aluminiummarkt ausgehend von China unseres Erachtens gut versorgt bleibt. Das staatliche chinesische Research-Institut Antaike schätzte jüngst zudem, dass in China bis Ende des Jahres ehemals stillgelegte Produktionskapazitäten im Umfang von 1,3 Mio. Tonnen p.a. wieder in Betrieb genommen werden. Hinzu sollen neue Produktionskapazitäten von 1,8 Mio. Tonnen p.a. kommen. Dies dürfte aller Voraussicht nach dazu führen, dass China gegen Jahresende rekordhohe Mengen Aluminium herstellen und somit auch nochmals mehr Tonnage den globalen Markt erreichen wird.
Allein für den chinesischen Markt erwartet der US-Produzent Alcoa für dieses Jahr einen Angebotsüberschuss von 1,2 Mio. Tonnen. Damit ist das Unternehmen unseres Erachtens aber zu konservativ. Das von Alcoa geschätzte Nachfragewachstum von 5% in diesem Jahr wird unserer Meinung nach nicht ausreichen, das Angebot vollständig aufzunehmen. Wir halten den aktuell hohen Aluminiumpreis von über 1.600 USD je Tonne daher für nicht gerechtfertigt und erwarten bis Jahresende eine Korrektur auf 1.600 USD je Tonne.
Zink notierte Anfang Oktober mit gut 2.400 USD je Tonne auf dem höchsten Stand seit über fünf Jahren. Der seit Jahresbeginn zwischenzeitlich um bis zu 50% gestiegene Preis führt aber offenbar dazu, dass vormals stillgelegte Produktionsanlagen wieder in Betrieb genommen werden (Grafik 4).
So werden aus China heraus mittlerweile die ersten Wiederinbetriebnahmen von Produktionsanlagen gemeldet. Außerhalb Chinas hat unter anderem die indische Vedanta im letzten Quartal wieder deutlich mehr Zink produziert. Und auch Nyrstar aus Belgien, einer der weltweit größten Zinkproduzenten, hatte Ende September angekündigt, drei Minen und eine Verarbeitungsanlage in den USA wieder anzufahren. Die erste Produktion soll im ersten Quartal 2017 erfolgen.
Der Minenkomplex war im Dezember 2015 aufgrund der niedrigen Preise stillgelegt worden. Sollten weitere Zinkproduzenten dem Beispiel von Nyrstar folgen und ebenfalls ihre Produktion wieder ausweiten, dürfte dadurch das erwartete Angebotsdefizit am globalen Zinkmarkt nicht mehr ganz so hoch ausfallen wie bislang erwartet. Nach acht Monaten stand gemäß Daten der International Lead and Zinc Study Group (ILZSG) ein Defizit von 181 Tsd. Tonnen zu Buche. Dies könnte auch der Preisrally von Zink den Wind aus den Segeln nehmen.
Umgekehrt waren die Minenunternehmen und Schmelzen mit ihren Ankündigungen von Produktionskürzungen rund um den Jahreswechsel sehr "erfolgreich", wenn man den stark gestiegenen Zinkpreis als Maßstab heranzieht. Die Produktionsausweitungen als Antwort auf die deutlich höheren Preise dürften zunächst zu einer Korrekturbewegung bei Zink führen. Zum Jahresende sehen wird den Zinkpreis bei 2.250 USD je Tonne.
Einen der stärksten Preisanstiege unter den Industriemetallen in den letzten Monaten wies Blei auf. Es vollzog offenbar die Verteuerung des Schwestermetalls Zink nach und handelt seit Ende September fast ununterbrochen wieder über der Marke von 2.000 USD je Tonne. Neben dem deutlich aufgehellten technischen Bild dürfte zum jüngsten Preisanstieg auch die Erwartung einer steigenden Nachfrage beigetragen haben. Denn mit dem Winter auf der nördlichen Halbkugel steht die saisonbedingt starke Bleinachfragezeit bevor (Grafik 5), in der der Ersatzbedarf an Batterien groß ist.
Die Batterieindustrie ist mit einem Anteil von etwa 80% der bedeutendste Konsument von Blei. Allerdings kann die erwartete höhere Bleinachfrage eine Weile lang durch das bisher in diesem Jahr bestehende Überangebot befriedigt werden. Die International Lead and Zinc Study Group (ILZSG) bezifferte dieses per Ende August auf 48 Tsd. Tonnen. Die spekulativen Finanzinvestoren hatten ebenfalls wieder stärker auf steigende Bleipreise gesetzt und ihre Netto-Long-Positionen an der LME auf den höchsten Stand seit 16 Monaten ausgeweitet. Dies birgt Korrekturpotenzial, sollten diese kurzfristig orientierten Marktteilnehmer Gewinne mitnehmen. Ende des Jahres dürfte Blei daher gut 2.000 USD je Tonne kosten.
Am globalen Nickelmarkt könnten die Weichen nach dem "heißen Sommer" mit einem kurzzeitigen Preisanstieg auf über 11.000 USD je Tonne demnächst auch auf moderate Entspannung stehen. So rückt die philippinische Regierung möglicherweise von ihrer bislang sehr harten und starren Haltung ab. Während der zweimonatigen umweltpolitischen Überprüfung der Minen des Landes wurden acht Nickelminen (zehn Minen insgesamt) wegen Umweltverstößen geschlossen.
Nach Beendigung der Überprüfung wurde weiteren zwölf Nickelminen (zwanzig insgesamt) die Schließung angedroht. Mittlerweile gewährt die Regierung den von der Schließung bedrohten Minen aber mehr Zeit, um die aufgedeckten Mängel zu beheben. Zudem seien einige Verstöße nur minimal. Das Nickelangebot könnte daher möglicherweise nicht ganz so stark eingeschränkt werden wie zu Beginn der Untersuchungen befürchtet.
Auch Indonesien könnte dem Markt wieder mehr Nickel zur Verfügung stellen. Die Regierung dort wird wohl die im Januar auslaufende Genehmigung für Exporte von Konzentraten um drei bis fünf Jahre verlängern. Zudem erwägt sie eine Lockerung des seit Anfang 2014 bestehenden Exportverbots von unbehandelten Erzen. Mit diesem Schritt soll den Unternehmen mehr Zeit gegeben werden, um Schmelzanlagen im Land zu bauen. Demnach könnte die Regierung zukünftig den Export von 15 Mio. Tonnen Nickelerz pro Jahr erlauben.
Vor dem Exportverbot hatte Indonesien im Jahr 2013 fast 65 Mio. Tonnen Nickelerz ausgeführt. Nur wenige Tage nach dieser Ankündigung hat die indonesische Regierung von diesem Vorhaben jedoch wieder Abstand genommen. Das Nickelerz von den Philippinen und aus Indonesien wird in erster Linie in China zu Nickelroheisen verarbeitet, welches wiederum von der Edelstahlindustrie absorbiert wird.
Die Edelstahlproduktion lief zumindest bis Mitte des Jahres auf Hochtouren. Gemäß Daten des International Stainless Steel Forum (ISSF) wurden weltweit im ersten Halbjahr 2016 rund 22,1 Mio. Tonnen Edelstahl hergestellt – ein Rekordwert für die ersten sechs Monate des Jahres. Getrieben wurde der Anstieg einmal mehr durch China, wo die Produktion von Januar bis Juni um fast 8% auf 11,7 Mio. Tonnen ausgeweitet wurde.
Produktionsschätzungen auf globaler Ebene von gut 42 Mio. Tonnen für das Gesamtjahr erscheinen da eher konservativ. Sollte doch nicht mehr Angebot aus Indonesien an den Markt kommen und die philippinische Regierung einen harten Kurs einschlagen, dürfte der Nickelpreis Ende des Jahres oberhalb von 11.000 USD je Tonne handeln. Andernfalls wird es unseres Erachtens schwer, diese Marke nachhaltig zu überschreiten.
Am globalen Zinnmarkt könnte sich die Versorgungslage demnächst ebenfalls spürbar entspannen. Denn Indonesien, der weltweit größte Zinnexporteur, hat zuletzt wieder deutlich mehr Zinn exportiert. Gemäß Daten des Handelsministeriums beliefen sich die Ausfuhren im September auf 7.744 Tonnen. Dies waren die höchsten Exporte seit elf Monaten. Die Ausfuhren wurden zudem den zweiten Monat in Folge deutlich gesteigert. Nach drei Quartalen liegen die indonesischen Zinnexporte mit gut 46 Tsd. Tonnen aber noch 11,5% unter dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum.
Die verbleibende Zeit im Jahr wird wohl nicht mehr reichen, diesen Rückstand vollständig aufzuholen. Das International Tin Research Institute (ITRI) erwartet, dass die globale Zinnnachfrage in diesem Jahr leicht auf rund 350 Tsd. Tonnen zulegen wird. Zum Nachfrageanstieg soll demnach die chinesische Lötindustrie maßgeblich beitragen, die sich zuletzt spürbar erholt hätte. Die Lötindustrie insgesamt steht für knapp die Hälfte der weltweiten Zinnnachfrage. Für eine solide Zinnnachfrage spricht auch der seit Monaten zu beobachtende Lagerabbau von Zinn an der LME (Grafik 7).
Seit Anfang Juni haben sich die LME-Zinnbestände mehr als halbiert und liegen mit knapp 3.000 Tonnen aktuell auf dem tiefsten Stand seit über 12 Jahren. Dennoch erwarten wir auch bei Zinn einen leichten Preisrücksetzer vom jüngst erreichten Mehrjahreshoch bei über 20.000 USD je Tonne.
Auf einen Blick











© Eugen Weinberg
Senior Commodity Analyst
Quelle: 'Rohstoffe kompakt', Commerzbank AG
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