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Was steckt hinter dem Abbau der US-Rohöllagerbestände?

09.10.2013  |  Eugen Weinberg (Commerzbank)

Die US-Rohöllagerbestände sind in den Sommermonaten deutlich gesunken. Hauptverantwortlich hierfür war eine höhere Rohölverarbeitung. Die US-Raffinerien reagierten damit auf die robuste Nachfrage nach Mitteldestillaten, was sich in niedrigen US-Destillatebeständen und rekordhohen US-Destillate-Exporten widerspiegelt. Mit einer zurückgehenden Rohölverarbeitung dürften die US-Rohölvorräte im vierten Quartal wieder steigen. Aufgrund der robusten US-Destillateexporte stehen die Raffineriemargen in Europa unter Druck, wodurch sich die Importabhängigkeit Europas bei Ölprodukten erhöhen dürfte.

Die US-Rohöllagerbestände sind in den Sommermonaten deutlich gesunken. Seit Ende Juni gingen die Rohölvorräte um 38 Mio. Barrel zurück und fielen Mitte September auf das niedrigste Niveau seit 18 Monaten. Der Lagerabbau konzentrierte sich dabei auf zwei Regionen: Im Mittleren Westen (PADD 2) fielen die Vorräte um gut 20 Mio. Barrel, an der US-Golfküste (PADD 3) gingen sie um gut 14 Mio. Barrel zurück (Grafik 1). Der Großteil des Lagerabbaus im Mittleren Westen war wiederum auf den Lagerort in Cushing zurückzuführen, wo die Rohölbestände an 13 Wochen in Folge um insgesamt 16,5 Mio. Barrel sanken. Was ist der Grund für diese überraschende Entwicklung und wird sich der Lagerabbau fortsetzen?

Die Entwicklung der Lagerbestände lässt sich in drei Unterkomponenten aufteilen: Auf der Angebotsseite stehen die US-Ölproduktion und die US-Ölimporte. Auf der Nachfrageseite steht die Rohölverarbeitung durch die Raffinerien. Die US-Ölproduktion ist bis zuletzt gestiegen. Mitte September erreichte sie mit mehr als 7,4 Mio. Barrel pro Tag das höchste Niveau seit Mai 1989. Diese Komponente kann somit den Lagerabbau in den vergangenen Wochen nicht erklären.

Die Rohölimporte sind dagegen deutlich gefallen. Sie lagen in den Sommermonaten durchschnittlich 1 Mio. Barrel pro Tag niedriger als im Vorjahr. Dies reicht aber nicht mal aus, um den gleichzeitigen Anstieg der US-Ölproduktion auszugleichen. Denn diese lag zwischen Ende Juni und Mitte September durchschnittlich 1,4 Mio. Barrel pro Tag über dem Niveau des Vorjahres. Die Entwicklung auf der Angebotsseite hätte also für einen Lageraufbau gesprochen. Der Hauptgrund für den beträchtlichen Lagerabbau in diesem Sommer ist also auf der Nachfrageseite zu suchen, d.h. bei der höheren Rohölverarbeitung durch die Raffinerien.

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Die US-Raffinerien haben ihre Rohölverarbeitung in diesem Sommer deutlich stärker hochgefahren als üblich. Zwischen Ende Juni und Mitte September wurden durchschnittlich 16 Mio. Barrel Rohöl pro Tag verarbeitet. Das waren 600 Tsd. Barrel pro Tag mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum und 900 Tsd. Barrel pro Tag mehr als im langjährigen Durchschnitt (Grafik 2). Anfang Juli wurde soviel Rohöl verarbeitet wie zuletzt vor acht Jahren. Bemerkenswert war außerdem, dass die Raffinerien ihre Verarbeitungsraten bis Mitte September auf dem hohen Niveau von Juli und August beibehielten.

Normalerweise führen die Raffinerien ihre Auslastung mit dem nahenden Ende der Sommerfahrsasion ab Ende August zurück. Die Raffinerien nutzen die Zeit im Frühherbst für gewöhnlich, um Wartungsarbeiten durchzuführen und ihren Betrieb auf die Wintersaison umzustellen. Dadurch wurde in diesem Sommer deutlich mehr Rohöl verarbeitet als sonst zu dieser Jahreszeit üblich ist. Dies konnte nur durch einen stetigen Rückgriff auf die Rohöllagerbestände ermöglicht werden, obwohl aufgrund der steigenden inländischen Ölproduktion mehr Rohöl zur Verfügung stand.

Die Tatsache, dass die US-Raffinerien ihre Rohölverarbeitung in diesem Sommer über einen längeren Zeitraum so stark ausgeweitet haben, lässt sich nicht mit den Entwicklungen am USBenzinmarkt erklären, welcher normalerweise für die Raffinerietätigkeit in den Sommermonaten maßgeblich ist. Die US-Benzinnachfrage war während Sommerfahrsaison kaum höher als im Vorjahr und die US-Benzinvorräte liegen seit Wochen bis auf wenige Ausnahmen kontinuierlich zwischen 5 und 6 Prozent über dem langjährigen Durchschnitt. Die US-Benzinproduktion lag in diesem Sommer auch nur leicht über dem Niveau der Vorjahre. Die USA haben zudem laut EIA zwischen März und Juli weniger Benzin exportiert als im Vorjahr.

Der Grund für die ungewöhnlich hohe Raffinerieaktivität ist vor allem bei den Mitteldestillaten zu suchen. Denn die US-Raffinerien haben insbesondere die Produktion von Mitteldestillaten deutlich ausgeweitet. Diese stieg in den Sommermonaten auf durchschnittlich 5 Mio. Barrel pro Tag und lag damit 13% höher als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Damit ist mehr als die Hälfte des Anstiegs der Rohölverarbeitung in diesem Sommer auf das Segment der Mitteldestillate zurückzuführen. Dabei dürfte die unterschiedliche Entwicklung der Verarbeitungsmargen eine Rolle gespielt haben. Während die Margen für die Benzinproduktion auf das niedrigste Niveau seit Ende 2011 geschrumpft sind, liegen sie bei den Mitteldestillaten weiterhin auf einem relativ hohen Niveau (Grafik 3).

Dass sich die Margen bei den Mitteldestillaten deutlich besser gehalten haben, ist auf die niedrigen US-Destillatebestände zurückzuführen, welche sich trotz der höheren Destillateproduktion weiterhin deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt befinden.





Verantwortlich hierfür ist die deutlich gestiegene Nachfrage nach US-Destillaten in den USA und außerhalb. So fragten die US-Verbraucher in den Sommermonaten 10% mehr an Destillaten nach als im Vorjahr und 6% mehr als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Im Juli haben die USA auf Netto-Basis täglich rekordhohe 1,276 Mio. Barrel an Mitteldestillaten exportiert, nachdem schon im Juni ein fast so hoher Wert erreicht wurde (Grafik 4). Die täglichen Destillate-Netto-Exporte lagen im Juni und Juli fast doppelt so hoch wie in den ersten vier Monaten des Jahres und zudem 26% über dem Niveau des Vorjahreszeitraumes. Die von der US-Energiebehörde geschätzten Wochendaten deuten außerdem darauf hin, dass die Destillateausfuhren im August und September auf einem ähnlich hohen Niveau geblieben sind.

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Die US-Raffinerien profitierten bis zuletzt vom günstigeren Rohöl aus dem Inneren des Landes, welches dank neuer Pipelinekapazitäten an die US-Golfküste transportiert werden kann, wo sich mehr als die Hälfte der US-Raffineriekapazitäten befinden. Durch die Rohölverarbeitung konnten auch die nach wie vor bestehenden Beschränkungen für den Export von Rohöl aus den USA umgangen werden, da diese Beschränkungen für den Export von Ölprodukten nicht gelten. Es ist trotz allem unwahrscheinlich, dass die Rohölverarbeitung der US-Raffinerien angesichts niedrigerer Margen ihr ausgesprochen hohes Niveau der vergangenen Monate wird halten können.

Die EIA rechnet im vierten Quartal mit einer durchschnittlichen Rohölverarbeitung von 15,3 Mio. Barrel pro Tag. Das wären zwar immer noch 500 Tsd. Barrel pro Tag mehr als im Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre, aber ca. 600 Tsd. Barrel pro Tag weniger als im dritten Quartal. Der niedrigere Rohölbedarf der Raffinerien spricht für höhere Rohöllagerbestände, falls die Rohöllimporte nicht drastisch zurückgeführt werden. Denn die USÖlproduktion dürfte dank der sprudelnden Schieferölproduktion in Nord-Dakota und Texas weiter steigen. Tatsächlich scheint der Rückgang der US-Rohöllagerbestände inzwischen beendet zu sein. In der zweiten Septemberhälfte kam es zu einem Anstieg der US-Rohölvorräte um ca. 8 Mio. Barrel aufgrund einer geringeren Rohölverarbeitung und höherer Ölimporte.

Auch der Rückgang der Ölvorräte in Cushing hat sich in den vergangenen Wochen spürbar abgeschwächt (Grafik 5). Flossen zwischen Anfang Juli und Ende August pro Woche per Saldo durchschnittlich 1,36 Mio. Barrel Rohöl aus Cushing ab, so waren es im September durchschnittlich weniger als 500 Tsd. Barrel pro Woche. Ende September ist der seit 13 Wochen anhaltende Abbau der Cushing-Vorräte beinahe zum Erliegen gekommen.

Sollte es in den kommenden Wochen auch in Cushing zu einem Lageraufbau kommen, würde dies nicht an fehlenden Transport- und Verarbeitungskapazitäten liegen. Davon gibt es mittlerweile genügend, wie der kontinuierliche Abbau der Cushing-Vorräte während der Sommermonate trotz einer steigenden Schieferölproduktion im Mittleren Westen zeigte. Nach der Fertigstellung des südlichen Abschnitts der Keystone-XL-Pipeline werden am Jahresende sogar weitere 700 Tsd. Barrel pro Tag an Transportkpazitäten zur Verfügung stehen. Der Lageraufbau wäre vielmehr ebenfalls auf eine geringere Rohölverarbeitung durch die Raffinerien zurückzuführen. Dies dürfte insbesondere den WTI-Preis belasten.

Was sind die Auswirkungen der genannten Entwicklungen für Europa? Daten der USEnergiebehörde zufolge exportierten die USA bereits im Mai und Juni rekordhohe Mengen an Mitteldestillaten nach Europa. Laut vorliegender Schiffahrtsdaten hat sich dieser Trend im September fortgesetzt. Die hohen US-Dieselexporte sorgen für Druck auf die Raffineriemargen in Europa. Trotz niedriger Gasölvorräte bewegt sich die Preisdifferenz zwischen Gasöl und Brentöl seit Monaten in einer engen Spanne um 15 USD je Barrel, was kaum ausreichend ist, um die sehr niedrigen Margen bei der Benzinproduktion auszugleichen.

Erschwerend kommt hinzu, dass die USA inzwischen auch bei Benzin zum Netto-Exporteur geworden sind. Damit ist den europäischen Raffinerien nicht nur der US-Markt als bisheriger wichtigster Absatzmarkt für Benzin weggebrochen. Zugleich treten die USA inzwischen auch bei Benzin als Konkurrent auf anderen Absatzmärkten wie Südamerika auf. Weitere Raffinerieschließungen in Europa scheinen damit vorprogrammiert, wodurch die Importabhängigkeit Europas bei Ölprodukten weiter zunehmen würde.

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Auf einen Blick

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© Eugen Weinberg
Senior Commodity Analyst

Quelle: 'Rohstoffe kompakt', Commerzbank AG



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