Brent: Die nächste Benchmark-Manipulation?
18.05.2013 | Frank Klumpp (LBBW)
EU-Kommission untersucht Brent-Preisfindung
Wird die Ölbenchmark Brent manipuliert? Am Dienstag wurden Erinnerungen an den LIBOR-Skandal wach, nachdem die EU-Kommission die Geschäftsräume der an der Ermittlung von Benchmarkpreisen für Rohölsorten und Ölprodukte beteiligten Unternehmen BP, Statoil und Shell untersuchte. Diese Konzerne könnten der EU zufolge versucht haben, die Preise bei dem Energieinformationsdienst Platts zu verzerren, der bei Ölhändlern wie z.B. Shell oder Trafigura Preisangaben sammelt, beurteilt und veröffentlicht. Besonders im Fokus steht der Preis für die Benchmark Brent ("Dated Brent"), die Platts zufolge als Referenzgröße für 60% des weltweit gehandelten Spot-Rohöls dient. Hinzu kommen die Preise für Ölprodukte wie Gasoil oder Benzin sowie Termingeschäfte, die auf von Platts veröffentlichten Referenzgrößen basieren. 
Wo sind Ansatzpunkte für Manipulation?
Die Benchmark "Dated Brent", die im Übrigen häufig mit dem Preis für Rohöl aus dem Ölfeld "Brent" verwechselt wird, ist ein Basket von vier verschiedenen Preisen für Öl aus den Feldern Brent, Forties, Oseberg und Ekofisk ("BFOE"). Die Benchmark Dated Brent wird vom günstigsten Preis der vier Felder bestimmt. Dies ist üblicherweise Forties, die für Raffinerien am wenigsten wertvollste Qualität. Damit unterscheidet sich die Preisfindung entscheidend von anderen Benchmarks in der Finanzbranche, die eine individuelle Gewichtung der Benchmarkmitglieder zulassen.
Wenn man bedenkt, dass rund 40% des Nordseeöls auf BFOE entfallen, erscheint die Benchmark Brent besonders an förderschwachen Monaten wie im September letzten Jahres, als in der gesamten Nordsee durchschnittlich 1,9 mbpd gefördert wurden, recht illiquide, weil damit weniger als eine Million Barrel pro Tag die Preisfindung einer Benchmark mitbestimmen. Der entscheidende Forties-Stream macht zeitweise weniger als eine halbe Million Barrel im Gegenwert von rund 50 Mio. USD pro Tag aus. Zum Vergleich: Auf Xetra werden an einem Handelstag derzeit rund 5 Mrd. € in DAX-Titeln umgesetzt.
Platts sammelt, sichtet und wertet aus
Die Crux liegt nun darin, dass nicht alle Trades zwischen Ölhändlern bzw. –konzernen und Raffinerien an Platts berichtet werden. Sowohl auf der Meldeseite (u.a. BP, Shell, Vitol, Trafigura, Morgan Stanley) ist die Abgabe der Handelsdaten freiwillig. Damit nimmt die Grundgesamtheit für die Brent-Benchmark noch weiter ab. Außerdem kann Platts Händler vom Meldesystem ausschließen ("Boxing"), und zudem selbst entscheiden, welche der gemeldeten Trades den Markt am besten widerspiegeln. Dies macht das System anfällig für Manipulationen und Interessenskonflikte. Die Untersuchungsergebnisse der EU-Kommission müssen jedoch abgewartet werden, bevor der nächste Benchmarkskandal ausgerufen wird.
Ist Brent deshalb eine schlechte Benchmark?
Die geschilderten Nachteile lassen den Eindruck entstehen, dass Brent eine nicht repräsentative Benchmark sein könnte. Jedoch fehlen die Alternativen - das US-Leichtöl Western Texas Intermediate als globale Benchmark zu etablieren, darf seit den Ereignissen der letzten beiden Jahre als gescheitert gelten. Selbst die amerikanische Statistikbehörde EIA hat ihre globalen Betrachtungen wieder auf Brent umgestellt. Platts dürfte indes seinen Prozess der Verbesserung der Transparenz und Liquidität weiter vorantreiben. Auch die Ölindustrie hat durch ihre umfangreichen Investitionen indirekt ihren Teil bereits dazu beigetragen; die Förderung in der Nordsee dürfte zumindest vorläufig ihren Tiefpunkt gesehen haben.
© Frank Klumpp, CFA
Commodity Research
Quelle: Landesbank Baden-Württemberg, Stuttgart
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