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Sturm Isaac verläuft vergleichsweise glimpflich

03.09.2012  |  Frank Klumpp (LBBW)

Ölpreisrekord in Euro in Reichweite

Seit dem Zwischentief im Juni diesen Jahres, als die Öl-Benchmark Brent in der Spitze knapp 30% einbüßte, legte der Preis für Nordseeöl - ausgehend vom Jahrestief von 88 US-Dollar - bis dato wiederum rund 30% zu. Ursache für die Rallye im zweiten Halbjahr war ein Mix aus geopolitischen Nachrichten, einer höheren Risikoneigung der Marktteilnehmer, dem drohenden Ausfall von Förder- und Raffineriekapazitäten im Golf von Mexico wegen des Sturms "Isaac" sowie einer temporären Angebotsverknappung von Nordseeöl.

Die höhere Risikofreude war vor allem auf Kommentare der Notenbanker diesseits und jenseits des Atlantiks zurückzuführen - EZB-Präsident Draghi sowie die Fed schürten die Hoff-nung auf weitere Anleihekäufe durch die EZB und die US-Notenbank. Zudem sorgte kurzzeitig der Streik der norwegischen Ölarbeiter für steigende Preise an den Rohölbörsen.

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Brentspezifische Faktoren führen zu Knappheit

Der Streik in der norwegischen Ölindustrie spielte zunächst nur ein kurzes Intermezzo, das Angebot von Nordseeöl und damit der Benchmark "Dated Brent" bleibt jedoch knapp - alternde Ölfelder sorgen für sinkende Produktionsraten. Hinzu kommt derzeit die anstehende Wartung des Ölfeldes Buzzard, dem größten Ölfeld Großbritanniens. Buzzard spielt eine entscheidende Rolle in der Preisfindung der Benchmark Brent, die für knapp zwei Drittel des globalen Ölhandels als Referenzgröße dient.

Dated Brent wird aus den Rohölpreisen der Brent-, Forties-, Oseberg-, und Ekofisk-Felder (BFOE) ermittelt. Buzzard macht den größten Anteil am Forties-Ölfeld aus, das üblicherweise den Preis für Brent bestimmt. Die Benchmark Brent wird nicht aus dem Durchschnitt der BFOE-Felder ermittelt, sondern vom jeweils günstigsten Preis der vier BFOE-"Indexmitglieder" - üblicherweise ist Forties am günstigsten. Mitte Oktober könnte allmählich wieder Normalität einkehren, wenn die Wartung des Buzzard-Feldes abgeschlossen ist.

An der grundsätzlichen Problematik der Marktenge von Brent - weniger als eine Mio. Barrel pro Tag gehandeltes Öl - wird sich jedoch nur wenig ändern. Zudem drohen derzeit die Service-Mitarbeiter der norwegischen Ölindustrie mit Streiks - vor einigen Wochen waren es die Mitarbeiter der Ölplattformen, die ihre Forderungen durch Arbeitsniederlegung durchsetzen wollten. Die Verhandlungen des Servicepersonals sind jedoch in einem frühen Stadium, so dass ein möglicher Streik frühestens in zwei Wochen wahrscheinlich wird.

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Iran liefert nun quasi "frei Haus"

Für Knappheit von Nordseeöl sorgt derzeit auch Südkorea, da ein Freihandelsabkommen des asiatischen Landes mit der EU Importzölle in Höhe von 3% einspart. Im Juli importierte Südkorea 235.000 Barrel pro Tag aus Norwegen und Großbritannien. Die Nachfrage aus Südkorea könnte sich jedoch künftig abschwächen, zumal offenbar Wege gefunden wurden, den Import von iranischem Öl wiederaufzunehmen.

Teheran wird Nachrichten zufolge die Versicherung der Tanker übernehmen, die bisher nicht gedeckt werden konnten - die marktführenden europäischen Versicherer fielen aufgrund des EU-Embargos aus. Damit liefert der Iran künftig quasi "frei Haus", und zwei brentspezifische Faktoren (Wartung Buzzard-Ölfeld, Nachfrage aus Südkorea) dürften in den kommenden Monaten an Bedeutung verlieren. Die steile Terminkurve am kurzen Ende dürfte sich daher perspektivisch wieder abflachen.


Frühindikator Kohle?

Weniger im Fokus der Marktteilnehmer als Ölund Gas steht Kohle. Dennoch korreliert der Preis für Kohle (ICE-ARA) mit dem Preis für Nordseeöl. Seit Mitte 2011 befindet sich der Kohlepreis im Abwärtstrend, und der jüngste starke Anstieg des Ölpreises fiel am Kohlemarkt deutlich weniger dynamisch aus. Dies spricht für Korrekturpotenzial des Brentpreises.

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Isaac hebt die Preise - Ölmarkt gut versorgt

Die Hurrikansaison in den USA führte zwischenzeitlich zu steigenden Notierungen an den Rohölbörsen. Sieben Jahre nachdem der Hurrikan Katrina die Region verwüstet hatte bedrohte "Isaac" die Ölförderung und - verarbeitung im Golf von Mexico. Dort wird knapp ein Viertel der US-Ölproduktion gefördert, und rund die Hälfte der US-Raffinerien sind dort stationiert. Allerdings fielen die Schäden im Vergleich zu den Stürmen von 2005 und 2008 (Katrina, Rita, Gustav und Ike) vergleichsweise glimpflich aus.

In den kommenden Tagen dürfte die Industrie ihre vorsorglich geschlossenen Anlagen überwiegend wieder in Betrieb nehmen und allmählich zur Tagesordnung übergehen. Der temporäre Ausfall fällt kaum ins Gewicht, zumal die Rohöllager in den USA in der Vorwoche erneut um 3,8 Mio. Barrel auf 364,5 Mio. Barrel angestiegen sind. Damit bleibt der Ölmarkt gut versorgt.

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Auch global dürfte der Preisan-stieg eher auf die wieder aufgeflammte geopolitische Risikoprämie und die o.g. brentspezifischen Faktoren als auf tatsächliche Angebotsengpässe zurückzuführen sein. Dennoch beginnt die G7 rhetorisch gegenzusteuern und erwägt eine Freigabe der strategischen Ölre-serven. Auch von Konjunktur- und Nachfrageseite dominieren derzeit eher die Molltöne. Wir rechnen daher in den kommenden Monaten wieder mit sinkenden Ölpreisen.


© Frank Klumpp, CFA

Quelle: Landesbank Baden-Württemberg, Stuttgart



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