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Oil Markets Monthly

05.02.2012  |  Sintje Boie (HSH Nordbank)

Ölpreisentwicklung

Seit der Ölpreis (Brent) im Februar erstmals wieder die Marke von 120 USD/Barrel überschritten hat, hat er sich in den vergangenen Wochen kontinuierlich oberhalb dieses Niveaus gehalten und sich dort weitgehend seitwärts entwickelt. Gleichzeitig wurde allerdings auch kein ernsthafter Versuch unternommen, stärker in Richtung von 130 USD/Barrel zu tendieren. Während der Brent-Preis auf seinem Niveau verharrte, ist die Notierung für WTI im Vergleich zu den gestiegenen Niveaus im Februar wieder rückläufig gewesen. Ausschlaggebend für den weiterhin hohen Brent-Preis sind der ungelöste Konflikt mit dem Iran und die damit einhergehenden Angebotsängste. WTI wird dagegen unverändert von den regionalen Nachfrage- und Angebotsbedingungen im Mittleren Westen der USA beeinflusst, und diese haben zuletzt wieder steigende Lagerbestände in Cushing ergeben.

In der letzten Zeit ist eine Lösung des Iran-Konfliktes nicht näher gerückt, so dass der Ölpreis auf seinem hohen Niveau verharrt hat. Andererseits ist es nicht zu einer Eskalation der Situation durch eine militärische Provokation gekommen, so dass die Notierung für Brent nicht noch weiter nach oben geklettert ist. Die Unsicherheit, wie sich der Iran-Konflikt entwickelt, ist weiterhin hoch. Dies wiegt umso schwerer, da dieser Konflikt auf Sicht der nächsten Monate von entscheidender Bedeutung für den Ölmarkt sein dürfte.

Wir rechnen in unserem Basisszenario damit, dass der Streit um das iranische Atomprogramm nicht eskaliert, d.h. eine diplomatische Lösung gefunden werden kann (siehe weitere Informationen). Die verschärften Sanktionen des Westens haben den Druck auf den Iran erheblich erhöht, was diesen wieder an den Verhandlungstisch bringen sollte. Nichtsdestotrotz gehen von dem Iran-Konflikt erhebliche Risiken auf Sicht der nächsten Monate aus, was den Ölpreis unverändert auf seinem derzeit hohen Niveau notieren lassen dürfte. Haupttreiber dieser Entwicklung sollte die Angst vor Angebotsausfällen in der für die weltweite Ölversorgung so wichtigen Golfregion durch eine militärische Auseinandersetzung sein.

Aber auch die sich allmählich in einer Verschiebung der Ölhandelsströme niederschlagenden Sanktionen des Westens sorgen für einen tendenziell höheren Ölpreis, da alternative Lieferanten gesucht werden müssen, was die freien Kapazitäten angreift. Entsprechend rechnen wir mit einem Preis für Brent von 120 USD/Barrel zur Jahresmitte. Ein deutlich höherer Ölpreis in einer Spanne zwischen 130 und 150 USD/Barrel würde sich u. E. nur mit einer spürbaren Verschärfung des Konfliktes ergeben. Diskutiert wurde zuletzt auch, strategische Ölreserven erneut auf den Markt zu werfen, um den Ölpreis wieder auf ein niedrigeres Niveau zu drücken und die Konjunkturerholung nicht zu gefährden. Wir sehen dies jedoch nicht als eine Maßnahmen an, die nachhaltig zu niedrigeren Ölnotierungen führen sollte.

Allenfalls kurzfristig könnte der Ölpreis dadurch zurückgehen, längerfristig dürfte auf diese Weise die Knappheit des Angebots noch stärker in den Fokus rücken. In der zweiten Jahreshälfte könnte der Ölpreis mit einer Beruhigung des Iran-Konfliktes wieder zurückgehen, allerdings dürfte Brent längerfristig erneut höher notieren, da sich zum einen die Weltwirtschaft weiter erholt. Zum anderen bleiben viele Unruheherde im Nahen Osten bestehen, was die Unsicherheit und die Knappheit, die mit dem Ölangebot einhergeht, insbesondere bei steigender Nach-frage verdeutlichen sollte. Daher rechnen wir zur Jahresmitte 2013 erneut mit einem Brent-Preis von 120 USD/Barrel.

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US-Lagerbestände

Die Rohöllager haben ihren Anstieg über den vergangenen Monat weiter fortgesetzt, so dass sie aktuell ein Niveau von 362,4 Mio. boe einnehmen. Seit Jahresbeginn befinden sich die Vorräte oberhalb eines normalen saisonüblichen Niveaus, durch den neuerlichen Anstieg haben sie sich weiter davon entfernt. Das liegt zum einen an der soliden Entwicklung der Rohölimporte, die sich zuletzt auf 9,8 Mio. bpd erhöht haben. Zum anderen sind die gestiegenen Rohöllager aber auch auf die geringere Nachfrage zurückzuführen, die sich in einer zwischenzeitlich zurückgefallenen Raffinerieauslastung gezeigt hat. Zuletzt konnte sich diese mit 85,7% aber wieder stabilisieren.

Dagegen haben sich die Benzinlagerbestände zurückgebildet. Lagen sie Mitte Februar noch bei einem Niveau von 231,5 Mio. boe, so notieren sie derzeit bei 221,9 Mio. boe. Der zu beobachtende Rückgang der Lagerbestände ist saisonüblich, findet allerdings auf einem höheren Niveau als im Durchschnitt der letzten fünf Jahre statt. Darin spiegeln sich die hohen Benzinpreise wider, die für eine niedrigere Nachfrage sorgen.





Auch die Destillatelagerbestände sinken weiter. Nach einem Stand von 143,5 Mio. boe Mitte Februar werden sie aktuell mit 135,9 Mio. boe angegeben. Damit befinden sie sich leicht oberhalb eines saisontypischen Niveaus und sollten nun mit der Beendigung der Heizperiode ihren Tiefpunkt erreicht haben.

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Weitere Informationen

Druck auf den Iran nimmt zu


Der Preis für die Ölsorte Brent hat sich in den vergangenen Wochen durchgehend oberhalb der Marke von 120 USD/Barrel gehalten. Das hohe Ölpreisniveau ist in erster Linie Ausdruck der für den Ölmarkt weiterhin bestehenden Angebotsrisiken, die sich aus dem Konflikt mit dem Iran ergeben. Es hat keine Verschärfung der Krise in dem Sinne stattgefunden, dass eine militärische Auseinandersetzung zwischen dem Westen auf der einen Seite und dem Iran auf der anderen Seite näher gerückt ist, womit aller Wahrscheinlichkeit nach ein noch deutlich stärkeres Anziehen des Ölpreises auf über 130 USD/Barrel verbunden gewesen wäre. Allerdings nimmt der Druck auf den Iran stetig zu, was erwarten lässt, dass der Konflikt in naher Zukunft einem Ausgang zugeführt wird.

Die EU hat Ende Januar beschlossen, ab der Jahresmitte keine Ölimporte aus dem Iran mehr zuzulassen, d.h. ab diesem Zeitpunkt sind nicht nur neue Öllieferverträge mit Teheran verboten, sondern es laufen auch alle bestehenden aus. Als tückisch könnte sich zudem erweisen, dass den Iran anlaufende oder von dort abfahrende Schiffe zukünftig nicht mehr von europäischen Unternehmen versichert werden dürfen. Auch Großbritannien und die USA haben umfangreiche Finanzsanktionen beschlossen, die vor allem indirekt zu wirken beginnen. China, Indien, Südkorea und Japan sind neben der EU die größten Abnehmer von iranischem Öl. Sie haben bislang keine Sanktionen gegen Teheran beschlossen, sind aber von den US-Finanzsanktionen betroffen. Denn die Sanktionen verbieten ausländischen Unternehmen und Banken Transaktionen mit der iranischen Notenbank, wenn sie nicht gleichzeitig vom US-Finanzsystem abgeschnitten werden wollen.

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Letzteres ist für viele Länder ein zu großes Opfer, so dass diese beginnen, ihre Ölimporte aus dem Iran zu reduzieren. China, Irans größter Abnehmer von Rohöl, hat seine Importe um mehr als 50% im abgelaufenen Quartal gekürzt, Südkorea um 15% für Januar und Februar zusammen. Auch Indien und Japan scheinen iranisches Öl ersetzen zu wollen - dies ist umso erstaunlicher für Japan, da das Land schon in der zweiten Jahreshälfte 2011 seine Ölimporte aus Teheran signifikant gesenkt hat, obwohl es nach der Nuk-learkatastrophe in höherem Maße auf den Import von Energierohstoffen ange-wiesen ist.

Entsprechend sinken die iranischen Ölexporte, was die wichtigste Einnahmequelle schwinden lässt und damit das Land zunehmend unter Druck setzt. Im März könnten die Ölexporte um rund 14% gegenüber dem Vormonat gefallen sein, so dass sich die Exporte nur noch auf 1,9 Mio. bpd summiert haben dürften. Mit dem steigenden Druck versucht der Westen den Iran wieder an den Verhandlungstisch über sein umstrittenes Atomprogramm zu bekommen, d.h. es wird weiterhin auf eine diplomatische Lösung gesetzt.

Wir rechnen in unserem Basisszenario damit, dass es nicht zu einer Eskalation des Konfliktes mit dem Iran und so nicht zu einer militärischen Auseinandersetzung kommt. Wir gehen davon aus, dass sich der Iran, um eine direkte Konfrontation zu vermeiden, und angesichts der verschärften Sanktionen wieder gesprächsbereit in Bezug auf sein Atomprogramm zeigen dürfte. Ob sich die iranische Führung aber tatsächlich auf ernsthafte, glaubwürdige Diskussionen einlässt, bleibt abzuwarten. Dies könnte sich bei den geplanten neuen Gesprächen der fünf ständigen Mitglieder des Weltsicherheitsrates und Deutschlands zeigen, die für Mitte April in Istanbul geplant sind. Die Zeit beginnt gegen den Iran zu arbeiten, denn die USA haben zuletzt betont, dass das zeitliche Fenster für eine friedliche Beilegung des Konfliktes nicht für immer offen sein wird.

Derzeit ist die Unsicherheit hoch, wie sich der Konflikt weiter entwickeln wird, weshalb sich der Ölpreis (Brent) auf seinen hohen Niveaus oberhalb der 120 USD/Barrel bewegt. Erst wenn das Risiko für eine Verschärfung des Iran-Konfliktes abgenommen hat, dürfte sich die im Ölpreis enthaltene Risikoprämie für Angebotsausfälle zurückbilden, was zumindest für moderat sinkende Ölpreise spricht. Die sich durch die Sanktionen ergebende Verschiebung der Ölhandelsströme sowie die Suche nach alternativen Anbietern, was die freien Kapazitäten zur Disposition stellt, ist dadurch jedoch nicht rückgängig zu machen und spricht für einen höheren Brent-Preis als im Dezember 2011, also vor der Zunahme der geopolitischen Risiken.


© Sintje Boie
Volkswirtschaft & Research

Quelle: HSH Nordbank AG



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