Blickpunkt Stahlfutures: Entwicklungen, Chancen und Herausforderungen
06.11.2007 | Sven Streitmayer
Rohstoffbörsen starten den Handel mit Stahlfutures
In der vergangenen Woche nahm mit der Dubai Gold and Commodity Exchange (DGCE) die weltweit erste Rohstoffbörse den Handel mit Terminkontrakten auf Stahl auf. Der neu lancierte Future bezieht sich auf den in der Bauindustrie verwendeten Betonstahl (reinforcing bar) und ist physisch erfüllbar. Bis Ende 2009 sollen weitere Kontrakte auf Edelstahl und Flacherzeugnisse folgen. Die London Metal Exchange (LME) gab kürzlich weitere Einzelheiten zu der ihrerseits geplanten Aufnahme des Stahlhandels bekannt.
Demnach wird die größte Metallbörse der Welt ab Februar (elektronischer Handel) bzw. ab April 2008 (Parketthandel) zwei physische Terminkontrakte auf halbfertigen Stahl (billets) für die Regionen Naher und Ferner Osten anbieten. Auch die New York Mercantile Exchange (Nymex) plant noch in diesem Jahr in das Geschäft mit Stahlderivaten einzusteigen. Im Gegensatz zu ihrem europäischen und arabischen Pendant verzichtet die US-Warenbörse jedoch auf die physische Erfüllung der Kontrakte. Stattdessen bezieht sich der US-Future auf einen von dem Brancheninformationsdienst World Steel Dynamics (WSD) berechneten Index, der die Preisentwicklung von US-Warmbreitband-Stahl (hot-rolled band) abbildet.
Kein Ende des Stahlbooms in Sicht
Gemessen an der jährlichen Produktion (1,2 Mrd. t Rohstahl im Jahr 2006) ist Stahl der mit Abstand größte Metallmarkt weltweit. Nimmt man den Stahlkonsum zum Maßstab, ist Stahl der am meisten verwendete Werkstoff überhaupt. Die robuste Weltkonjunktur, vor allem aber die sprunghaft gestiegene Nachfrage aus aufstrebenden Schwellenländern wie China, sorgt seit nunmehr fünf Jahren für einen Stahlboom bisher unbekannten Ausmaßes. In der Folge erreichen nicht nur Produktion, Verbrauch und Handel von Stahl immer neue Rekordstände. Auch die Preise für Stahl erklimmen laufend neue Höhen.
Gleichwohl ist ein Ende des Stahlbooms bislang nicht in Sicht. So rechnet das International Iron and Steel Institute (IISI), eine Art Weltverband der Stahlindustrie, mit einem Anstieg des Weltstahlverbrauchs von jeweils knapp 7% für 2007 und 2008. Während die US-Konjunktur weiterhin lahmt, sind es insbesondere die dynamisch wachsenden “BRICLänder“ Brasilien, Russland, Indien und China, die mit ihren gewaltigen Infrastrukturinvestitionen die Stahlnachfrage anfeuern (siehe Tabelle rechts).
Nachfrage nach Hedging-Instrumenten wächst
Im Unterschied zu Basismetallen wie Kupfer, Nickel, Zink und Co., die seit Jahrzehnten an den Terminmärkten gehandelt werden, verfügte die rund 500 Mrd. USDollar schwere Stahlindustrie bis zuletzt über keine adäquate Benchmark für die Preissetzung ihrer Produkte und das Risikomanagement hinsichtlich der Stahlpreisfluktuationen. Gerade die seit 2004 spürbar gestiegene Volatilität der Stahlpreise (siehe Abb. rechts) hat die Rufe nach Hedging-Instrumenten wieder lauter werden lassen. So sind es insbesondere die großen Stahlverbraucher wie bspw. Automobilhersteller, die ein Interesse an der Steuerung von Preisrisiken haben. Aber auch die Banken, die sowohl das Geschäft der Stahlhersteller als auch deren Abnehmer finanzieren, drängen zunehmend darauf, dass diese ihre Margen mittels Derivaten absichern und damit kalkulierbarer machen. Den Gegenpart dazu nehmen Finanzinvestoren wie Index- und Hedge Fonds ein, welche mit Hilfe der neuen Terminprodukte erstmals die Chance erhalten (außerhalb von Investments in Stahlaktien), an dem Stahlboom zu partizipieren.
Herausforderungen für den Futureshandel mit Stahl
Obwohl die erfolgreiche Etablierung einer Stahlbörse den Marktteilnehmern zweifellos großen Nutzen bringen und den regional stark zerklüfteten Stahlmarkt strukturell verändern kann, ist die Skepsis nach wie vor hoch. Dies liegt in erster Linie daran, dass Stahl kein originärer Rohstoff, sondern ein verarbeitetes Produkt ist, das in den unterschiedlichsten Formen, Qualitätsstufen und Abmessungen hergestellt wird. Diese große Produktvielfalt (ca. 2.500 verschiedene Stahlsorten) erschwert jedoch die für den Futureshandel nötige Standardisierung der Terminkontrakte.
Die Metallbörsen begegnen dem, indem sie sich für regional differenzierte Terminkontrakte auf häufig gehandelte Standardprodukte entschieden haben, welche auch hinsichtlich der Lagerhaltung relativ unproblematisch sind. Eine weitere Hürde für den effektiven Handel mit Stahlderivaten liegt in der mangelnden Unterstützung durch die Stahlindustrie selbst. Kritiker führen dies auf die Angst der Stahlproduzenten zurück, ihre Preissetzungsmacht zu verlieren. Diese wiederum entgegnen mit dem Argument, Warenterminbörsen würden durch die Aktivität von Spekulanten die Preisvolatilität tendenziell erhöhen. Dagegen werden die LMEVerantwortlichen um Vorstandschef Martin Abbott nicht müde darauf hinzuweisen, dass auch heute längst etablierte Produkte (wie z.B. Kontrakte auf Aluminium) gegen den anfänglichen Widerstand der Produzenten eingeführt werden mussten.
Fazit: Chancen überwiegen, Akzeptanz entscheidend
Die Aufnahme des Stahlhandels an den Warenterminbörsen eröffnet zahlreiche neue Möglichkeiten für die verschiedenen Marktakteure und bietet zugleich das Potenzial, den Stahlmarkt grundlegend zu verändern. Speziell im Hinblick auf das aktuell hohe Preisniveau, der anhaltend starken Nachfrage aus Fernost und der erratischen Schwankungen der Stahlpreise offeriert ein effektiver Terminhandel via Hedging und größerer Preistransparenz einen echten Mehrwert für Konsumenten, Produzenten und Investoren von Stahl. Der Einwand, dass der Handel mit Stahlfutures nicht funktionieren könne, da es keinen “Einheitsstahl“ gibt, ist dagegen wenig stichhaltig. Denn entscheidend für ein Absicherungsgeschäft ist i.d.R. nicht, ob der dem Terminkontrakt zugrundeliegende Stahl exakt dieselbe Ausprägung, Form und Güte hat wie der Stahl, den der “Hedger“ für seine Produktion benötigt.
Wichtig ist vielmehr, dass der per Future angebotene Stahl eine hohe preisliche Korrelation zu dem verwendeten (physischen) Stahl aufweist. Tatsächlich zeigt die empirische Erfahrung einen hohen Gleichlauf vieler Stahlpreise, welcher sowohl regionen- als auch sortenübergreifend zu beobachten ist (siehe Tabelle “Korrelationsmatrix“). Damit stellt die Heterogenität des Stahlmarktes aus rein technischer Sicht kein Hindernis für einen effizienten Terminhandel dar. Entscheidend für den Erfolg der Stahlbörsen, d.h. der Etablierung der Stahlkontrakte als weltweit anerkannte Referenzpreise, ist letztlich aber einzig die Akzeptanz der Marktteilnehmer.
© Sven Streitmayer
Commodity Analyst
Quelle: Landesbank Baden-Württemberg, Stuttgart
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