Chinas Stahlsektor: Kurzfristige und langfristige Perspektiven
19.07.2010 | Rainer Hahn
RTE - EMFIS.COM - Chinas Wirtschaft boomt zwar weiterhin, doch für die dortige Stahlindustrie verdüstern sich die Perspektiven allmählich. Noch im April hatte die Stahlproduktion des Landes ein neues Rekordhoch erreicht. Seitdem geht der Ausstoß aber zurück. Dies führte dazu, dass auch die Preise für die wichtigsten Stahlprodukte seit Frühjahr deutlich unter Druck stehen.
Am Freitag meldete die China Iron & Steel Association (CISA), dass sich die Produktion und die Stahlpreise auch im Juni weiter verringert haben. Dies belastet die Margen der chinesischen Stahlkocher erheblich. Im Branchendurchschnitt bewegen sich die Gewinnmargen derzeit wieder in Richtung Null, und zahlreiche Anbieter müssen sogar zu Preisen unterhalb ihrer Produktionskosten verkaufen. Denn während die Stahlpreise laut CISA rückläufig sind, haben sich die Kosten für Eisenerz weiter verteuert, und auch die Energiepreise stagnieren allenfalls auf hohem Niveau.
Trotz eines Wirtschaftswachstums von über 10 Prozent im zweiten Quartal geht die Nachfrage nach Stahl zurzeit in die Knie. Der Hauptgrund dafür sind die Maßnahmen Pekings zur Drosselung der Immobilienspekulation. Chinas Bausektor stand bisher für rund die Hälfte der gesamten Stahlnachfrage. Doch vor allem in den Großstädten an der Ostküste brachen die Verkäufe neuer Wohnungen zuletzt sichtlich ein. Daneben war auch der Autoabsatz in China im Juni erstmals seit langem rückläufig. Der Export dürfte den chinesischen Stahlkochern ebenfalls kaum Erleichterung bringen, denn auf dem globalen Stahlmarkt bestehen erhebliche Überkapazitäten, und zugleich strich die chinesische Regierung zuletzt auch die Exportsubventionen für eine Vielzahl von Stahlerzeugnissen.
Ein noch größeres Problem sind die Überkapazitäten in China selbst. Das Reich der Mitte steht heute für fast die Hälfte der weltweiten Stahlproduktion. Diese verteilt sich dort allerdings auf über 3000 Unternehmen. Viele von ihnen sind klein, ineffizient und technisch nicht auf der Höhe der Zeit. Diese Anbieter treiben in Boomphasen die Preise für Energie und Eisenerz zusätzlich nach oben; während sie in schwierigen Zeiten billigen Massenstahl auf den Markt werfen, und damit den Preisdruck noch erhöhen.
Vor allem gegen diese Überkapazitäten will die Regierung Chinas nun wieder verstärkt vorgehen. Dabei soll vor allem die Kreditvergabe an ineffiziente Stahlunternehmen unterbunden werden. Gleichzeitig erhalten diese Gesellschaften kaum noch Genehmigungen für eine Ausweitung ihrer Kapazitäten. Dies soll zum einen dazu führen, dass die Investitionen vom Stahlsektor in andere zukunftsträchtigere Wirtschaftszweige umgelenkt werden. Zum anderen soll die bereits voranschreitende Konsolidierung innerhalb des Sektors noch zusätzlich angeschoben werden. Peking hat sich dabei das ehrgeizige Ziel gesteckt, dass bis 2015 mindestens 60 Prozent der gesamten Produktionskapazität unter der Kontrolle der 10 größten Unternehmen stehen muss.
Für die zahlreichen kleinen und mittelgroßen Anbieter wird dieser staatlich verordnete Konsolidierungsprozess äußerst schmerzvoll werden. Das Vorgehen Pekings im Kohlesektor, wo inzwischen mehr als tausend kleine Minen geschlossen wurden, deutet aber darauf hin, dass auch die Reform im Stahlsektor rückhaltlos durchgezogen werden dürfte. Dabei werden nicht nur viele kleine Gesellschaften zwangsweise mit den großen Stahlriesen verschmolzen werden, sondern es werden auch nicht unerhebliche Kapazitäten komplett vom Markt verschwinden.
Die Gewinner dieser Entwicklung werden die großen börsennotierten Stahlriesen sein. Diese sollen zu nationalen und internationalen Champions ausgebaut werden. Die neuen Giganten werden nicht nur weit höhere Margen auf dem heimischen Massenmarkt erzielen, sondern können auch verstärkt in hochwertige Technologie und Produktionsverfahren investieren. Dies versetzt die neuen Stahlchampions dann mehr denn je in die Lage, den Weltmarkt für hochwertige Stahlerzeugnisse aufzurollen. Dementsprechend müssen sich die international agierenden Stahlmultis außerhalb Chinas demnächst warm anziehen.
Für den Anleger ergeben sich daraus folgende Perspektiven:
Kurzfristig bleiben Investments in Chinas Stahlsektor riskant, denn die Branche dürfte vorerst von fallenden Preisen und Überkapazitäten geprägt sein. Weitere Abschläge bei den Aktien aus diesem Sektor sind relativ wahrscheinlich.
Bereits in sechs bis zwölf Monaten könnte sich das Blatt allerdings wenden. Dann werden sich die ersten Erfolge der Konsolidierung niederschlagen. Gleichzeitig ist damit zu rechnen, dass sich die Titel der großen chinesischen Stahlunternehmen zu diesem Zeitpunkt auf einem äußerst günstigen Bewertungsniveau befinden werden. Allein schon die enormen Wachstumsperspektiven Chinas und die zu erwartenden Modernisierungs-Effekte machen die Aktien der chinesischen Stahlreisen dann zu äußerst aussichtsreichen Investments.
Anleger sollten den chinesischen Stahlsektor deshalb unbedingt weiter im Auge behalten. Hier werden sich früher oder später großartige Möglichkeiten auftun, wobei der Anlageerfolg in diesem Fall wohl vor allem eine Frage des richtigen Timings sein wird.