Der Ölpreis als Sargnagel für die Börse?
17.07.2007 | Jochen Steffens
Es bilden sich mal wieder zwei Lager und das völlig unnütz. Es gibt die einen, die sagen: "Die Sorge vor einem steigenden Ölpreis ist doch Unsinn. Schauen Sie sich den Rohöl-Chart an und vergleichen Sie die Entwicklung mit den amerikanischen Indizes. Sie werden sehen, dass Öl und die Indizes seit Jahren steigen (soweit ist das noch richtig, aber die Interpretation, die nun kommt ist fragwürdig, wie ich gleich noch beweisen werde), also man sieht doch deutlich, dass der Ölpreis steigen kann, und er eben keinen Einfluss auf die Börsen hat."
Das ist die eine Seite. Von Lesern, die dieser Sichtweise anhängen, habe in den letzten Wochen vermehrt Mails erhalten, die mich dezent darauf aufmerksam machen wollten, dass meine Sorge vor dem Ölpreis völlig unberechtigt sei, man sehe es doch an den Charts.
Es gibt aber auch die andere Seite, die sagt: "Wenn der Ölpreis steigt, dann ist das schlecht für die Börsen." Begründet wird diese Theorie jedoch weniger mit Charts, sondern vielmehr mit fundamentalen Hintergründen. Inflation, hohe Energiekosten, Gewinnmargen, die schrumpfen, Verbraucher, die kein Geld mehr für den Konsum haben.
Sobald die Vertreter der einen auf die Vertreter der anderen bei einem Bier treffen, können Sie versichert sein, dass die Argumentationen immer rabulistischer werden und schnell die Ebene der Vernunft verlassen.
Die Wirtschaft, das Öl und die Börse
Dabei ist die Lösung vergleichsweise einfach: Im Prinzip haben beide Recht, nur die Schlussfolgerung der ersten Gruppe geht am eigentlichen Kern vorbei.
Wenn die Wirtschaft am Boden liegt, dann befindet sich meistens auch der Ölpreis am Boden. Schließlich wird in einer Rezession weniger Öl verbraucht als in Boomjahren. Meistens fängt dann die Börse als erstes an zu steigen, weil die Spekulanten mitten in einer Rezession bereits darauf traden, dass alles besser wird (kaufe die Angst /Depression). Dann, meistens recht schnell, folgt der Ölpreis. Denn auch hier wird darauf getradet, dass alles besser wird, also die Wirtschaft bald wieder mehr Öl verbrauchen wird. Die Spekulanten hoffen, dass diese steigende Nachfrage zu weiter steigenden Ölpreisen führen.
Wenn die Masse es begreift
Wenn dann offensichtlich die Wirtschaft anfängt zu brummen, wird der Ölpreis immer deutlicher steigen, denn immer mehr Leute denken, dass eine Spekulation in Öl eine verdammt gute Sache ist. Schließlich gibt es ja auch noch das alte "Ich-schlag-alles-tot"-Argument: "Verknappung der Ressourcen", auf das auch schon seit gut 8 Jahren getradet wird.
Meistens steigen die Börsen, wenn es der Wirtschaft ersichtlich besser geht, ebenfalls noch weiter an. Und so kommt es, dass Börse und Öl gerne auch einträchtig nebeneinander ansteigen.
Wenn der Zenit erreicht ist
Irgendwann, meistens am Zenit der wirtschaftlichen Hochkonjunktur, spekulieren die ersten erfahrenen Trader darauf, dass die Wirtschaft sich wieder verschlechtert. Die Börse steigt nicht mehr weiter, aber der Ölpreis kann durchaus noch etwas weiter laufen. Denn der aktuelle Verbrauch ist noch hoch, die Börse ist immer etwas früh, sie nimmt wirtschaftliche Entwicklungen um ein Jahr vorweg. Aber schnell wird dann auch der Ölpreis folgen, sobald auch hier auf eine schlechtere Wirtschaft getradet wird.
Wir können festhalten, der Ölpreis läuft den Indizes "hinterher".
Doch jetzt kommt das Problem: Wenn der Ölpreis "zu sehr steigt" gibt es einen Punkt, an dem die Kosten die Wirtschaft belasten. Denn keine Frage, obwohl die Wirtschaft bei weitem nicht mehr so abhängig vom Ölpreis ist wie noch in den 70/80er Jahren: Öl ist und bleibt das Blut der westlichen Industriegesellschaften.
Ohne Öl geht nichts - mit Öl geht alles. Die Weltpolitik wird, wenn Sie sich damit einmal abseits der Mainstream-Presse beschäftigen, hauptsächlich von dem Thema Öl beherrscht und das, seitdem der Rohstoff Öl zum Blut der westlichen Welt geworden ist.
Wir haben das schon öfters erlebt: Wenn der Ölpreis zu teuer wird, gerät die Wirtschaft ins Schlingern. Inflation und Rezession ist die Folge. Worüber man sich natürlich trefflich streiten kann, ist, ab wann das der Fall ist.
Sie sehen, es ist keine "entweder - oder" Frage, es ist eine Frage von mehreren Einflüssen, die nicht immer in die gleiche Richtung laufen.
Diese Beziehungen sind im Chart zu erkennen
Obwohl die fundamentale Argumentation selten auf Charts zurückgreift, müssten sich diese hier beschriebenen Effekte auch in den Charts abzeichnen. Und, das tun sie auch, aber man muss schon genauer hinschauen, um beide Effekte zu erkennen - hier führt sonst ein oberflächlicher Blick zur oben genannten falschen Interpretation!
(Blau/grau ist der Ölpreis, rot/schwarz der Dax)
Fast immer wenn es zu einem Hoch im Öl kam (hier durch die senkrechten blauen Striche gekennzeichnet) bildet sich ein Bewegungstief im Dax. Also zumindest kurzfristig ist ein klarer Zusammenhang zwischen einem Hoch im Öl und einem Tief an den Märkten zu erkennen.
Interessant wird es an der waagerechten dicken roten Linie, die bei ca.70 Dollar liegt. Als der Ölpreis über die 70 Dollar sprang, kam es etwas zeitversetzt im Dax zu einer heftigen Konsolidierung. Nach einem Tief im Dax führt ein weiteres Hoch im Ölpreis zu einem erneuten kleinen Einbruch im Dax, es bildete sich ein Doppelboden. Erst als dann der Ölpreis nach und nach immer weiter fiel, kam es zu einem weiteren, starken Aufwärtstrend im Dax.
Dann startete der Dax ein Eigenleben, es ging um die rosigen wirtschaftlichen Aussichten, und erst dann stieg auch wieder der Ölpreis (wohlgemerkt zeitverzögert) mit an! Hier galt also wieder: Die Erwartung einer sich verbessernden Wirtschaftsentwicklung führte dazu, dass Trader auf einen höheren Ölverbrauch spekulierten.
Die 70 Dollar Marke
Nun sind wir aber wieder über der Marke von 70 Dollar angelangt. Und schauen Sie es sich genau an (ich hoffe man sieht es hier, da die Charts im Newsletter verkleinert dargestellt werden): Als der Ölpreis sich wieder der 70 Dollar Marke näherte, kam der Dax ins "Trudeln" es starteten volatile Schwankungen - wieder zeichnete sich eine Konsolidierung ab.
Nun muss man natürlich noch den Dollarverfall mit einrechnen, rechnet man den Ölpreis zum Beispiel in Euro um, hat er noch lange nicht seine alten Hochs erreicht. Vielleicht liegt also der für die Wirtschaft und damit auch für die Börsen wirklich schmerzhafte Ölpreis in Dollar mittlerweile etwas höher. Aber nichtsdestotrotz sieht man hier ganz deutlich den Zusammenhang. Ein hoher Ölpreis führt tatsächlich zu einer deutlichen und nachhaltigen Beeinflussung der Börsen und das obwohl der Ölpreis und die Börse oft gleichzeitig zu steigen scheinen. Die Frage ist nur, bei welchem Niveau der Ölpreis die Börse abwürgen wird.
Fast sicher ist, und einige werden sich noch erinnern, dass ich das ungefähr zu gleichen Zeit auch im letzen Jahr geschrieben ist: Der Ölpreis wird austesten, ab welchem Niveau es der Wirtschaft und damit auch den Börsen weh tut. Und dann kam die große Konsolidierung.
Viele Grüße und einen guten Start in eine erfolgreiche Woche
© Jochen Steffens
Quelle: Auszug aus dem Newsletters Investor's Daily