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"Energiepoker"

14.05.2022 | 9:01 Uhr | Vertrauliche Mitteilungen

Geht es um Steinkohle-, Öl- und Gaslieferungen aus Russland, so wurden diese in den letzten Wochen als von Tag zu Tag unsicherer eingeschätzt. Dafür sorgte, kurz und bündig zusammengefasst, zum einen die in Europa zunehmende Diskussion über die Frage, ob man nicht von sich aus auf den Bezug aus Russland verzichten sollte.

Und zum anderen war und ist es unsicher, ob Russland angesichts der zunehmenden Sanktionsbeschlüsse seine bisher verläßliche "Liefermentalität" aufrechterhalten wird. Im Folgenden wird bewußt ohne jede politische Aussage festgestellt, welche Länder bzw. Regionen in welchem Ausmaß von russischen Energielieferungen abhängig sind.

Für die Steinkohle hat sich diese Betrachtung im Übrigen bereits erledigt, die Staaten der Europäischen Union werden den Bezug aus Russland schon innerhalb der nächsten Monate einstellen. Alternative Lieferanten seien weltweit vorhanden, ob die bisherigen Preise zu halten sein werden, muß sich allerdings erst noch herausstellen.

Bei Öl und Gas hat sich bisher vor allem Europa auf russische Lieferungen verlassen. Dies zeigt auch das Gas-Pipelinenetz mit seiner auffälligen Ost-West-Orientierung. Bis zum Beginn des Ukrainekrieges importierten die europäischen Staaten rund 27% ihres Erdölbedarfs und 40% des Erdgases aus Russland. Eine Umorientierung ist - ein entsprechend verfügbares Angebot vorausgesetzt - bei Öl rein verkehrstechnisch noch vergleichsweise einfach, weil i.d.R. "nur“ die Fahrtrouten der anliefernden Öltanker geändert werden müßten.

Als Problem für Europa könnte sich hier allerdings noch die Willensbildung innerhalb der in der "Opec+" zusammengeschlossenen Förderländer erweisen, weil hier bekanntermaßen auch Russland vertreten ist. Und das in Nordamerika (USA und Kanada) noch zu fördernde Erdöl sollte unter Hinweis auf umweltschutztechnische Aspekte bisher im Boden belassen werden. Inwieweit es hier noch zu einem kurzfristigen Umdenken kommen kann, bleibt abzuwarten.

Zu berücksichtigen ist ferner, daß sich die verschiedenen Rohölsorten in ihrer Zusammensetzung durchaus unterscheiden und deshalb nicht in jeder beliebigen Raffinerie bearbeitet werden können. Es kommt deshalb im Zweifelsfall nicht nur darauf an, überhaupt Rohöl zu beschaffen, sondern es muß auch eine geeignete Sorte sein ...

Gleiches gilt auch für Erdgas, weil dieses in nicht unerheblichem Umfang nicht einfach verbrannt, sondern für chemische Prozesse verwendet wird. Müßte man die Lieferungen aus Russland ersetzen, könnte man zu einem nicht unerheblichen Teil auf niederländische Gasreserven zurückgreifen. Die sogenannten "GroningenFelder" zählen schon jetzt zu den größten der Welt und sie könnten noch auf das Fünffache ausgebaut werden.

Doch in den Niederlanden strebte man bisher eher eine Einstellung der Förderung an, weil schon die bisherigen Maßnahmen zu Bodensenkungen und Erdbeben geführt hatten. Die weitere Entwicklung dort ist deshalb nicht abzusehen. Eine andere Möglichkeit zur Gasförderung in Europa wäre die Zulassung der Fracking-Methode. Doch auch hier gibt es sehr widerstreitende Umweltschutzeinwendungen, die auf eine eher geringe Realisierungschance schließen lassen.

Es bleibt der Bezug verflüssigten Erdgases (LNG) per Schiff, wofür die erforderlichen Löscheinrichtungen nun in Rekordzeit gebaut oder erweitert werden sollen. Doch hierfür sind auch im besten Fall zwei Jahre oder mehr anzusetzen.

Zu den Profiteuren der abzusehenden Entwicklung (weniger Energielieferungen von Russland nach Europa) wird zweifelsohne die Volksrepublik China zählen. Sobald die derzeit auch dort etwas stockende Konjunktur wieder Fahrt aufnehmen wird, wird man in Peking gerne auf russisches Öl zurückgreifen. Dann allerdings nur zu Sonderkonditionen - denn neben Indien wird dann China einer der wenigen verbliebenen Großkunden Russlands sein.

Einen interessanten Sonderfall nimmt in dieser Betrachtung noch Japan ein, das - mit Ausnahme der Kernenergie - praktisch seinen gesamten Energiebedarf importieren muß. Die dabei anteilig aus Russland bezogenen Mengen sind zwar mit einem Anteil von 4% (Öl) bzw. 9% (Gas) nicht sehr hoch, aber Nippon hat in großem Umfang in russische Öl- und Gasfördereinrichtungen investiert, insbesondere auf der Insel Sachalin, die an Japans nördlichste Inseln grenzt.


© Vertrauliche Mitteilungen
Auszug aus den "Vertrauliche Mitteilungen", Nr. 4491


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