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Kohle befeuert von Chinas Importsog - noch!

17.11.2016 | 6:00 Uhr | Eugen Weinberg, Commerzbank AG

Die Kohle-, die Börsenstrom- und zwischenzeitlich auch die CO2-Preise sind in diesem Jahr massiv gestiegen. Preistreibend am Kohlemarkt ist das überraschend deutliche Anziehen des chinesischen Kohleimportsogs, welcher der massiven Konsolidierung des heimischen Kohlesektors geschuldet ist.

Wir denken aber, dass der Zenit dieser Importentwicklung überschritten ist und erwarten entsprechend in den kommenden Monaten rückläufige Preise. Auch die Börsenstrompreise dürften dann nachgeben, zumal im EU-Emissionshandel der Rückenwind aus Frankreich in Gegenwind aus den USA gedreht hat.

Die massive Verteuerung von Kohle, Strom und zuletzt auch CO2 ist im Energiesektor wohl die Überraschung des Jahres: Nach fünfjähriger Talfahrt hat sich der Kohlepreis (nächstfälliger Future an der ICE für Kohle in Rotterdam) von seinem seit Aufnahme des Handels 2007 verzeichneten Rekordtief im Februar binnen nur weniger Monate auf 90 USD je Tonne fast verdoppelt.

Auch der Kohlefuture mit einjähriger Laufzeit hat deutlich angezogen, notiert aber mit 70 USD je Tonne immerhin rund 20 USD niedriger als der nächstfällige (Grafik 1).



Etwas zeitversetzt haben auch die CO2-Preise angezogen, selbst wenn "theoretisch" aufgrund der massiven Verteuerung die kohlebasierte Stromproduktion unattraktiver wird und damit der Bedarf an Emissionsrechten sinkt. Zweifach angeschoben wurde somit auch die Erholung der deutschen Börsenstrompreise. Anfang November war Strom im nächsten Kalenderjahr mit gut 35 Euro je MWh an der EEX in Leipzig 70% teurer als im Februar und damit so teuer wie zuletzt im Dezember 2014. Was treibt die Preise, und was davon ist nachhaltig?

Wir schauen uns die Märkte im Einzelnen an: Kohle: “Zu viel Hitze am Kohlemarkt” hatten wir im Sommer getitelt: Tatsächlich haben die Preise am vorderen Ende noch mehr Feuer gefangen. Seit Anfang September hat sich der nächstfällige Future für Kohle in Rotterdam um weitere 30% auf 90 USD je Tonne verteuert. Preistreibend ist der starke Importbedarf Chinas, welcher der von der Regierung forcierten Konsolidierung des Kohlesektors anzulasten ist.

In den nächsten drei bis fünf Jahren will die chinesische Regierung Produktionskapazitäten von 500 Mio. Tonnen schließen. Kurzfristig hatte sie die Arbeitstage in den Kohleminen reduziert. In den berichteten Monaten März bis Oktober lag entsprechend die Kohleförderung in China gemäß Statistikbüro gut 10% unter der des Vorjahres.

Das ist insofern gravierend, als dass China knapp die Hälfte der weltweiten Produktion stellt. Damit deckt es 95% seines eigenen Bedarfs, der wiederum die Hälfte globalen Kohlenachfrage ausmacht. Öffnet sich die Lücke zwischen Nachfrage und Angebot in China weiter, hat dies erheblich Auswirkungen auf den seewärtigen Handel mit Kohle, der nur 15% der weltweiten Produktion ausmacht.



Im Sommer war dies der Fall, denn sehr hohe Temperaturen ließen in China die (thermische) Stromproduktion erstmals seit langem wieder kräftig steigen. Die Gemengelage spitze sich zu einem Zeitpunkt, als die Vorräte in den chinesischen Häfen ohnehin stark geräumt waren. Entsprechend schossen die chinesischen Kohleimporte nach oben: Mit gut 23 Mio. Tonnen Kohle (einschließlich Braunkohle) waren Nettoeinfuhren in den letzten drei Monaten (Aug-Okt) im Monatsdurchschnitt fast so hoch wie im Rekordjahr 2013 (Grafik 2).

Die Erholung von Chinas Importbedarf hat zu einer überraschenden Anspannung am jahrelang überversorgten Kohlemarkt geführt und rechtfertigt zweifellos höhere Preise. Das Ausmaß des Preisanstiegs erscheint uns aber überzogen. Denn Chinas derzeit dominierender Importboom dürfte nicht von langer Dauer sein. Zum einen hat die chinesische Regierung nicht zuletzt angesichts des massiven Preisanstiegs einigen Minen erlaubt, die Produktion hochzufahren,

Der massive Rückgang dürfte sich deshalb abflachen. Erste Tendenzen der Verlangsamung zeigen sich bereits. Entwarnung geben auch die in den Häfen und die bei den Kohlekraftwerken zuletzt wieder gestiegenen Vorräte (Grafik 3).

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Zum anderen hat die chinesische Regierung mit der Unterzeichnung des Klimaschutzabkommens klare Signale für ein umweltfreundliches Wirtschaften gesetzt. Dazu gehört auch die Energieproduktion. Die Nutzung von Atomstrom und Strom aus Erneuerbaren Energien soll deutlich vorangetrieben werden. Die Verwendung von Kohle soll dagegen deutlich sinken: Ihr Anteil am Strommix soll von heute noch rund 75% bereits bis zum Jahr 2020 unter 65% fallen (Grafik 4).

Auch in der Industrie soll Kohle zunehmend ersetzt werden: Insgesamt wird angestrebt, die Bedeutung von Kohle als Energieträger von gut 66% auf weniger als 60% im Jahr 2020 und weniger als 45% im Jahr 2040 zu reduzieren. Neben den fundamentalen Gründen spricht auch die Abwertung des chinesischen Renminbi für die mittelfristige Verlangsamung des Importbooms.

Neben dem starken Anstieg von Chinas Kohleeinfuhren wirkten zwischenzeitliche Lieferschwierigkeiten des weltweit größten Kohleexporteurs Indonesiens sowie die massiv fallende US-Kohleproduktion und dadurch bedingt geringere US-Exporte preissteigernd (zu den künftigen Entwicklungen in den USA siehe auch Kasten). Sobald sich aber Chinas Importboom abflacht, dürften diese an Bedeutung verlieren. Dagegen werden preisbremsende Effekte an Bedeutung gewinnen, denn in vielen Regionen sinkt derzeit der Importbedarf. So ist die indische Kohleproduktion in den letzten Monaten überraschend stark gestiegen und hat mit dem steigenden Bedarf des Landes besser Schritt halten können

Indien, das im letzten Jahr noch die höchsten Kohleimporte weltweit verbuchte, dürfte dieses Jahr also weniger einführen und damit wieder hinter China zurückfallen. Auch der Importbedarf Japans sinkt dank der allmählichen Inbetriebnahme der Atomkraftwerke: in den ersten neun Monaten lag die Importnachfrage der weltweit drittgrößten Importnation 1% unter dem Vorjahr.

Und auch in Europa sinken die Kohleeinfuhren: die aggregierten Daten, die Eurostat bislang nur für die ersten vier Monate des laufenden Jahres vorlegt, zeigen bereits ein Minus von 12% gegenüber Vorjahr. Die aktuelleren Daten für einzelne Länder deuten an, dass sich der Trend fortgesetzt hat. Großbritannien weist sogar ein Minus der Kohleeinfuhren im ersten Halbjahr von über 60% aus. Der Rückgang war teils witterungsbedingt; zugleich hat Erdgas durch den Mindestpreis auf CO2 ("Carbon Price Floor") an preislicher Wettbewerbsfähigkeit gewonnen und viele Kohlekraftwerke wurden stillgelegt.

[pagebreak]Kraftwerksschließungen, bedingt durch verschärfte Umweltauflagen (Mercury and Air Toxics Standard) und eine geringere Auslastung der Kraftwerke, bedingt durch die verschärfte Konkurrenz durch Erdgas, lassen in diesem Jahr auch die Kohlenachfrage in den USA kräftig schrumpfen, nämlich um weitere 8% nach rund 12% im Jahr 2015. Das bremst aber in diesem Fall vor allem die heimische Produktion (siehe oben).

Alles in allem gehen wir davon aus, dass die Preise in den kommenden Monaten wieder massiv nachgeben werden, so wie es auch derzeit die Terminpreise zeigen. Ein Vertreter der chinesischen National Development and Reform Commission (NDRC) bezeichnete kürzlich die Rallye am Kohlemarkt als irrational und teils spekulativ getrieben. Mehrmals hat die NDRC sich in jüngster Zeit mit Vertretern des Bergbaus getroffen, unlängst um zu verhindern, dass die üblicherweise zum Jahresende abzuschließenden längerfristigen Verträge auf Basis der aktuellen Spotpreise abgeschlossen werden.

Gleichzeitig will man durch höhere Gebühren auf den Kohle-Future-Handel an der chinesischen Zhengzhou Rohstoffbörse die Überhitzung dämpfen. Wir sind überzeugt, dass die Rallye zu heiß gelaufen ist, zumal die hohen Preise weltweit andere Produzenten an den Markt zurücklocken. Während die Kohlepreise zu Beginn des Winters kurzfristig noch gut unterstützt sind, dürften sie im Laufe der kommenden Monate deutlich korrigieren. Wir sehen den Preis für nächstfälligen Kohlefuture (Rotterdam) bereits Mitte des Jahres 2017 wieder unter 70 USD je Tonne rutschen.


Emissionshandel: Auftrieb aus Frankreich nicht nachhaltig

Auch die Preise im Emissionshandel sind in den letzten Wochen stark gestiegen. Mit 6,5 Euro notierte das Recht zur Emission einer Tonne CO2 Anfang November mehr als 60% höher als acht Wochen zuvor (Grafik 5).

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Damit war der Preis allerdings noch immer niedriger als zu Jahresbeginn, zumal er auch in den letzten Tagen wieder merklich zurückgekommen ist. Der zeitgleiche Anstieg von Kohle- und CO2-Preisen passt fundamental nicht zusammen: Schließlich macht die massive Kohle-Verteuerung die emmisionsintensive, kohlebasierte Stromproduktion unattraktiv, und entsprechend weniger Emissionsrechte werden gebraucht.

Doch dieser Effekt wird derzeit überlagert: maßgeblich preistreibend sind nämlich die Entwicklungen in Frankreich. Im Fokus stehen die derzeitigen Schließungen von mehreren Kernreaktoren, zu denen sich die französische Atomaufsicht nach einigen Unregelmäßigkeiten gezwungen sah.

Frankreich, das nach den USA derzeit die zweitgrößte Menge an Atomstrom produziert, verfügt über 58 Kernreaktoren mit einer Kapazität von insgesamt 63,2 GW. Bei 18 Reaktoren hatte die staatliche Atomaufsicht Unstimmigkeiten bei den Materialangaben festgestellt und entsprechende Überprüfungen gefordert. Das hat die Strompreise für Frankreich in die Höhe schießen lassen (Grafik 6).

Sechs Reaktoren konnten bereits schnell wieder hochgefahren werden, aber zunächst sieben und Mitte Oktober nochmals fünf weitere Reaktoren mussten vom Netz genommen werden. Frankreich, das verstärkt strombetriebenen heizt und auch deshalb in der EU einen überdurchschnittlich hohen Stromverbrauch pro Kopf hat, bezieht drei Viertel seines Elektrizitätsverbrauchs aus der emissionsarmen Atomenergie. Auf Frankreich entfiel deshalb im vergangenen Jahr mit knapp 100 Mio. verifizierten Emissionen gerade mal gut 5% der im EU ETS insgesamt erfassten verifizierten Emissionen.

Davon wiederum entfällt nur die Hälfte auf die Versorger; EUweit sind es rund zwei Drittel. Kurzfristig könnte nun Frankreich seinen Strom emissionsintensiver produzieren. Aber das Land verfügt zum einen nur über begrenzte Kohlekraftwerkskapazitäen, zum anderen dürfte der Mehrbedarf zunächst von begrenzter Dauer sein (Erst mittelfristig, bis 2025, hat Frankreich das Ziel, den Anteil von Atomstrom am Strommix nachhaltig auf 50% zu reduzieren.)

Auch angesichts des noch immer hohen Angebotsüberschusses im Emissionshandel können die Entwicklungen in Frankreich allein nicht die zuletzt stark gestiegenen Preise rechtfertigen.

Andere fundamentale Faktoren lassen sich nicht ausmachen: Eher im Gegenteil, denn die oben schon erwähnten mageren Kohleimporte der EU deuten einen schwachen Kohleverbrauch an. Für Deutschland beispielsweise schätzt die AG Energiebilanzen, dass der Steinkohleverbrauch 2016 um knapp 4,5% schrumpfen wird; in den im EU ETS erfassten Kraftwerken zur Strom- und Wärmeerzeugung sogar um fast 6%. Das bremst zweifellos den Bedarf an Emissionsrechten.

Gegenwind kommt auch von internationaler politischer Seite: denn der neue US-Präsident Trump dürfte die internationalen Bemühungen um Klimaschutz eher bremsen. Die Preise waren folglich spekulativ überhitzt, und wir halten an unseren Preisprognosen fest: Das heißt, wir erwarten erst mittelfistig, sprich in der zweiten Jahreshälfte 2017, eine nachhaltige Etablierung der CO2-Preise über 6 Euro je Tonne.


Deutsche Strompreise an der EEX: Doppelter Auftrieb nicht von Dauer

Die Strompreise an der deutschen Börse zogen kräftig mit. Über den bereits häufig erwähnten engen (Kosten-)Verbund mit Kohle und CO2 wurden auch die Strompreise kräftig nach oben geschoben: In der Spitze kletterte der Preis für Strom im nächsten Kalenderjahr über 35 Euro je MWh (Grafik 7). Doch trotz des doppelten Auftriebs verteuerte sich Strom vom Tief im Februar damit nur um 70% und erreicht auch lediglich das Preisniveau vom Herbst 2014.

Die unterdurchschnittlicheVerteuerung zeigt einmal mehr, dass der Vormarsch der erneuerbaren Energien weiterhin strukturell preisdämpfend wirkt. Mittlerweile sind die Preise auch bedingt durch den zuletzt wieder sinkenden CO2-Preis etwas zurückkommen. Mittelfristig sehen wir die Preise bedingt durch die von uns erwartete Korrektur am Kohlemarkt weiter fallen. Im nächsten Sommer sehen wir den deutschen Strompreis an der Börse wieder bei 28 Euro je MWh.

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© Eugen Weinberg
Senior Commodity Analyst

Quelle: 'Rohstoffe kompakt', Commerzbank AG



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